Everyday Omens

Hauswurz auf dem Dach

Hauswurz auf dem Dach sollte vor Blitzschlag schützen: Das glaubte man um 1700 in Chemnitz ebenso wie 1898 im Kanton Luzern. Blühte sie, sah man am Zürichsee darin dagegen ein ernstes Vorzeichen.

Was es bedeuten kann

Die Hauswurz wächst dort, wo kaum etwas gedeiht: auf Ziegeln, Mauerkronen und Steinen. Kein Zufall also, dass man ihr zutraute, das Haus zu hüten. Wer sie heute in einer Mauerritze entdeckt, sieht eine Pflanze, die mit wenig auskommt und sich still vermehrt. Was gedeiht bei dir ohne große Pflege, und wo darfst du dich auf solche genügsamen Stützen verlassen? Ob Schutz oder Warnung, die Deutungen gingen zwischen Chemnitz, Luzern und dem Zürichsee auseinander, und jeder Garten erzählt seine eigene Geschichte.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Sie treibt einen hohen Blütenstiel

Am Zürichsee zählte man um 1858 eine blühende Hauswurz zu den Todesvorzeichen, und im Kanton Luzern sollte ein auffallend schnell wachsender Stängel einen Todesfall im Haus ankündigen. Tatsächlich stirbt die Rosette nach der Blüte ab, während ihre Tochterrosetten weiterleben.

Sie blüht nicht recht

In Horgen kannte man auch das Umgekehrte: Blüht die Hauswurz in einem Jahr nicht recht, gibt es Unglück. Dieselbe Pflanze konnte also mit und ohne Blüte Sorgen machen, je nachdem, worauf man gerade achtete.

Auf Gartenmauer und Brunnenstock

Im Kanton Luzern pflegte man die Hauswurz sorgfältig auf Dächern, Gartenmauern und Brunnenstöcken, weil sie das Haus vor allem gegen Blitzgefahr schützen sollte. Schon Karl der Große ließ sie laut seiner Landgüterverordnung auf dem Haus des Gärtners anpflanzen.

Ein Gewitter zieht auf

In Chemnitz hieß es um 1700, in ein Haus mit Hauswurz auf dem Dach schlage der Donner nicht ein. Eine mögliche Erklärung für diesen Glauben: Bepflanzte Dächer blieben feuchter und fingen weniger leicht Feuer.

Warum es in der Natur passiert

Die Dach-Hauswurz bildet dicke, wasserspeichernde Blattrosetten und wächst auf Dächern, Mauern und Felsen. Jede Rosette blüht nur einmal: Sie schiebt einen 20 bis 60 Zentimeter hohen Blütentrieb und stirbt danach ab, während Ausläufer und Tochterrosetten den Bestand erhalten.

Was der Volksglaube sagt

Chemnitz, um 1700

Wird Hauswurz aufs Dach gepflanzt, schlägt der Donner nicht ins Haus.

Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXX, Nr. 60. Seite ansehen

Kanton Luzern, 1898

Hauswurz gilt als Schutz des Hauses, vor allem gegen Blitzgefahr, und wird auf Dächern, Gartenmauern und Brunnenstöcken gepflegt; wächst ihr Stängel außergewöhnlich schnell, steht ein Todesfall im Haus bevor.

Quelle: J. Bürli, Volkstümliches aus dem Kanton Luzern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 281. Seite ansehen

Horgen und Zürcher Oberland, 1857–1859

Eine blühende Hauswurz gehört zu den Vorzeichen eines Todesfalls.

Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 217, Nr. 12. Seite ansehen

Horgen (Zürich), 1857–1859

Blüht die Hauswurz in einem Jahr nicht recht, gibt es Unglück.

Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 219, Nr. 46. Seite ansehen

Horgen (Zürich), 1857–1859

Unglück droht, wenn die Hauswurz auf den Dächern in die Höhe schießt oder blüht.

Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 219, Nr. 53. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Was gedeiht in deinem Leben mit wenig Pflege, und wem oder was verdankst du diese Beständigkeit?