Everyday Omens

Holunder am Haus

Im Erzgebirge steckte man zu Walpurgis Holunderzweige auf die Misthaufen, um das Vieh vor Hexen zu schützen. In Mecklenburg durfte man Holunderholz nicht im Haus verbrennen, sonst sollte der Blitz einschlagen.

Was es bedeuten kann

Kaum ein Strauch stand den Häusern so nah wie der Holunder, und kaum einer hatte so viele Regeln. Man nutzte ihn, aber nicht beliebig: Seine Zweige halfen gegen Hexen, sein Holz durfte nicht in den Ofen, eine späte Blüte im Herbst machte Sorgen. Diese Mischung aus Nähe und Respekt ließe sich auf vieles übertragen, das uns täglich begleitet und das wir zu selbstverständlich behandeln. Was der Holunder bedeuten sollte, erzählte jede Gegend etwas anders.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Holunderzweige zu Walpurgis

In Annaberg, Geiersdorf und Grünstädtel steckte man zu Walpurgis Holunder-, Traubenkirschen- oder Weidenruten auf die Düngerhaufen, damit das Vieh nicht verhext werde. Der Holunder wuchs ohnehin dicht am Hof, man musste nur hinausgehen.

Holunderholz im Ofen

In Bellin in Mecklenburg hieß es, Holunderholz dürfe man nur draußen im Backofen verbrennen, nie im Haus, sonst werde das Haus vom Blitz getroffen. Die jungen Triebe sind weich und voller Mark und taugen ohnehin wenig als Brennholz.

Der Holunder blüht im Herbst

In Schneeberg im Erzgebirge sah man es mit Sorge, wenn ein Holunderbaum im Herbst ein zweites Mal blühte: Bald sollte jemand aus der Familie sterben, der der Baum gehörte. Eine zweite Blüte im Herbst kommt bei milder Witterung tatsächlich vor.

Ein Kreuz aus Holunder

Im mittleren Vinschgau trug man der Totenbahre ein Kreuz aus Holunder voran, das man „Lebelang“ nannte. Grünte das eingesteckte Kreuz auf dem Grab wieder, galt der Verstorbene als selig. Holunder schlägt aus Stecklingen leicht wieder aus; das machte solche Bilder glaubhaft.

Hast du von einem Holunder geträumt?Die Bedeutung im Traum, auf Night Symbols

Warum es in der Natur passiert

Der Schwarze Holunder liebt stickstoffreiche Böden, wie man sie an Komposthaufen, Ställen und Wegrändern findet. Er wächst schnell, treibt nach dem Rückschnitt kräftig wieder aus und vermehrt sich leicht über Samen, die Vögel verbreiten.

Was der Volksglaube sagt

Annaberg (Erzgebirge), 1862

Um das Vieh vor Behexung zu behüten, besteckt man zu Walpurgis die Düngerhaufen mit Holunder-, Traubenkirschen- oder Weidenruten.

Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 13, Nr. 133. Seite ansehen

Schneeberg (Erzgebirge), 1862

Wenn im Herbst ein Holunderbaum wieder blüht, so stirbt bald jemand aus der Familie, der der Baum gehört.

Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 216. Seite ansehen

Bellin (Mecklenburg), um 1880

Holunderholz darf man nur draußen im Backofen verbrennen, nicht im Haus, sonst wird das Haus vom Blitz getroffen.

Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 129, Nr. 536. Seite ansehen

Vinschgau (Südtirol), um 1870

In mehreren Dörfern des mittleren Vinschgaus trägt man der Totenbahre ein Kreuz aus Holunder voran, das man Lebelang nennt.

Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 105, Nr. 900. Seite ansehen

Vinschgau (Südtirol), um 1870

Der Mensch, auf dessen Grab das eingesteckte Holunderkreuz wieder grünt, ist selig.

Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 105, Nr. 901. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Welche Dinge begleiten dich täglich, ohne dass du ihnen viel Beachtung schenkst?