Schwalben am Haus
„Jag’ die Schwalben nicht ’naus, denn sie bringen Segen in’s Haus“, hieß es um 1860 in Annaberg. In Tirol ließen manche Leute für sie Tag und Nacht die Fenster offen, damit die Glücksvögel hereinfliegen konnten.
Was es bedeuten kann
Schwalben sind Gäste, die man nicht einladen kann: Sie suchen sich selbst aus, wo sie bauen. Vielleicht empfand man ein besetztes Nest am Haus deshalb als Auszeichnung. Die alten Regeln verbanden die Vögel mit Segen, Frieden und Wohlstand, und ihr Wegbleiben mit Verlust. Ein Nest an deiner Wand stellt eine freundliche Frage: Was macht dein Zuhause für andere einladend? Welche Kraft man den Schwalben zuschrieb, unterschied sich schon zwischen dem Ötztal und dem Unterinntal.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Schwalben bauen am Haus
Im Ötztal hieß es, mit den Schwalben verlasse der Segen ein Haus, und ihre Anwesenheit mache ein Dorf reich. Mehlschwalben kleben ihre Nester aus Lehmkügelchen unter Dachvorsprünge; dafür brauchen sie Pfützen mit feuchter Erde in der Nähe.
Fenster offen lassen
In Tirol kam es vor, dass Leute Tag und Nacht die Fenster offen ließen, um den Glücksvögeln den Weg nicht zu versperren. Rauchschwalben brüten tatsächlich gern innen, in Viehställen und offenen Hallen, die sie durch Türen und Luken anfliegen.
Was die Schwalben singen
Im Ötztal hörte man aus ihrem Zwitschern einen Satz heraus: Als wir fortzogen, waren Kisten und Kasten voll, als wir kamen, waren sie leer. Gemeint ist der Winter, der die Vorräte aufgezehrt hat, bis die Schwalben wieder da sind.
Schwalben ziehen im Sommer fort
Im Unterinntal galt es als schlechtes Vorzeichen, wenn Schwalben mitten im Sommer ein Haus verließen. Ein verlassenes Nest bleibt trotzdem besser hängen: Viele Paare kehren im nächsten Jahr an dieselbe Stelle zurück, und Schwalbennester sind geschützt.
Warum es in der Natur passiert
Rauch- und Mehlschwalben überwintern südlich der Sahara und sind etwa von April bis September bei uns. Sie jagen Insekten im Flug und brauchen offene Landschaft und Lehm für den Nestbau. Weil es weniger Insekten und weniger offene Ställe gibt, sind ihre Bestände vielerorts zurückgegangen.
Was der Volksglaube sagt
Annaberg und Raschau, 1862
„Jag’ die Schwalben nicht ’naus, denn sie bringen Segen in’s Haus.“
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 208. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Die Schwalben heißen Glück, und das Haus, in dem sie nisten, gilt als gesegnet; deshalb lassen manche Leute Tag und Nacht die Fenster offen, um ihnen den Eingang nicht zu verwehren.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 88, Nr. 743. Seite ansehen
Ötztal (Tirol), um 1870
Mit den Schwalben verlässt der Segen ein Haus; ihre Anwesenheit macht ein Dorf reich, ihre Abwesenheit arm.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 89, Nr. 753–754. Seite ansehen
Ötztal (Tirol), um 1870
Die Schwalben singen: Wie wir fort sind, sind die Kisten, Kasten voll gewesen, wie wir kommen sind, sind die Kisten, Kasten leer gewesen.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 89, Nr. 755. Seite ansehen
Unterinntal (Tirol), um 1870
Ziehen die Schwalben während des Sommers aus einem Haus, so stirbt darin bald jemand oder es kommt sonst ein Unglück.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 89, Nr. 749. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was macht dein Zuhause einladend, für Menschen wie für Tiere?