Everyday Omens

Einen Donnerkeil finden

Ein Haus, in dem ein Donnerkeil liegt, kann nicht vom Blitz getroffen werden: Davon war man um 1867 in Oldenburg überzeugt. Gemeint waren Steinäxte aus alten Gräbern oder versteinerte Seeigel, die man bei Gewitter auf den Tisch legte.

Was es bedeuten kann

Wer einen Donnerkeil in der Hand hält, hält etwas sehr Altes: ein viele Millionen Jahre altes Fossil oder ein Werkzeug aus der Steinzeit. Früheren Findern war beides rätselhaft, und so erklärte man die glatten, spitzen Steine mit dem Gewitter. Daraus wurde ein Schutzstein für das Haus. Der Fund lädt dazu ein, über die eigene Zeitspanne hinauszudenken: Was heute zufällig auf dem Feld liegt, hat Jahrmillionen oder Jahrtausende überdauert. Oldenburg, Mecklenburg und die Schwäbische Alb gaben solchen Steinen eigene Namen und Plätze im Haus.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Eine Steinaxt vom Feld

In Oldenburg nannte man um 1867 die in Hünengräbern gefundenen Streitäxte Donnerkeile und dachte sie sich durch Blitz oder Donner entstanden. Im Haus aufbewahrt, sollten sie es vor dem Blitz schützen.

Ein versteinerter Seeigel

Neben den Steinäxten kannte man in Oldenburg den „Grummelstein“, einen versteinerten Seeigel. Auch er wurde aufbewahrt und bei Gewitter auf den Tisch gelegt.

Im Fenster und im Milchschrank

In Mecklenburg stellte man um 1895 den „dunnerpil“ bei Gewitter vor das Fenster, damit es nicht einschlage. Man legte ihn auch in den Milchschrank, damit die Milch gut rahme, oder in die Tränke für das Vieh.

Ein Stein mit Loch

In Frommern und Hossingen im Oberamt Balingen hängte man um 1880 sogenannte Blitzsteine unter die Fensterläden: Bachsteine, die durch Verwitterung ein natürliches Loch bekommen hatten.

Warum es in der Natur passiert

Was man im Volk Donnerkeil nannte, sind meist Belemniten: die spitzen, fingerförmigen Reste ausgestorbener Kopffüßer, die vor etwa 358 bis 66 Millionen Jahren lebten. Ihr griechischer Name heißt übersetzt „Geschoss“. Auch Steinbeile aus der Jungsteinzeit hielt man früher für vom Himmel gefallene Blitze.

Was der Volksglaube sagt

Oldenburg, 1867

Ein Haus, in dem ein Donnerkeil, also eine Streitaxt aus einem Hünengrab, oder ein Grummelstein, ein versteinerter Seeigel, aufbewahrt und bei Gewitter auf den Tisch gelegt wird, kann nicht vom Blitz getroffen werden.

Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 66, § 75. Seite ansehen

Oldenburg, 1867

Donnerkeile sind die in Hünengräbern gefundenen Streitäxte; man denkt sie sich durch Blitz oder Donner erzeugt. Grummelsteine sind versteinerte Seeigel; beide schützen gegen den Blitz.

Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 2 (1867), Bd. 2, S. 64, § 335. Seite ansehen

Mecklenburg, 1895

Stellt man bei Gewitter einen „dunnerpil“ vor das Fenster, soll es nicht einschlagen; in den Milchschrank gelegt, rahmt die Milch gut.

Quelle: Richard Wossidlo, Das Naturleben im Munde des Mecklenburger Volkes, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 5 (1895), S. 324. Seite ansehen

Frommern und Hossingen, 1880

Unter den Fensterläden hängen Blitzsteine, Bachsteine mit einem natürlichen Loch in der Mitte; sie schützen vor dem Blitzstrahl.

Quelle: Königlich statistisch-topographisches Bureau (Julius Hartmann, Eduard Paulus), Beschreibung des Oberamts Balingen, Kapitel A 3 (1880), S. 132. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Was hast du einmal gefunden, das viel älter war als alles, was du sonst in der Hand hältst?