Strohhalm vor der Tür
Auf Rügen erwartete man um 1859 bald Gäste, wenn auf der Schwelle ein Strohhalm lag. In Nordthüringen las man um 1900 sogar heraus, wer kommt: Trägt der Halm eine Ähre, kommt eine Frau, sonst ein Mann.
Was es bedeuten kann
Ein einzelner Halm auf der Türschwelle fällt kaum auf, und doch machten die alten Regeln daraus eine Ankündigung: Jemand ist unterwegs zu dir. Man sah dabei sehr genau hin, ob eine Ähre daran hing oder nicht, und las daraus eine Antwort. Darin steckt eine Freude am Besuch, die heute manchmal fehlt, wenn Gäste sich lange vorher anmelden müssen. Ein Halm vor der Tür kann eine Erinnerung sein, wie schön ein unangemeldeter Besuch sein kann, oder ein Anlass, selbst einmal bei jemandem vorbeizuschauen. Rügen, Nordthüringen und Jever freuten sich über den Halm, ein Kreuz aus Stroh deutete man anders.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Auf der Schwelle
Auf Rügen galt um 1859: Findet man auf der Schwelle einen Strohhalm, gibt es bald Gäste. In Jever hieß es um 1867 ähnlich, Stroh auf dem Fußboden bedeute Besuch.
Mit Ähre oder ohne
In Nordthüringen deutete man um 1900 einen Halm mit Ähre als Damenbesuch, einen ohne als Herrenbesuch. In der Mark Brandenburg sah man es 1891 genau umgekehrt und fügte hinzu, angenehm sei der Besuch nur, wenn der Halm auf dem Sofa liege.
Zwei Halme über Kreuz
Lagen morgens auf dem ersten Weg ein paar Strohhalme in Kreuzform, nahm man das in Oldenburg um 1867 als ernstes Vorzeichen, sogar für einen Todesfall in der Verwandtschaft. Man unterschied also streng zwischen einem einzelnen Halm und einem Kreuz.
Warum es in der Natur passiert
Stroh war früher überall: Man streute es den Tieren unter, deckte Häuser damit und schlief auf Strohsäcken; beim Dreschen lag es auf dem ganzen Hof. Halme hingen an Schuhen, Kleidung und Körben und landeten so leicht auf der Türschwelle oder dem Stubenboden. Heute begegnet man ihnen eher im Herbst auf dem Land oder neben Pferdeställen.
Was der Volksglaube sagt
Rügen, 1859
Findet man auf der Schwelle einen Strohhalm, so gibt es bald Gäste.
Quelle: Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Th. 2 (1859), Th. 2, S. 60, Nr. 180. Seite ansehen
Nordthüringen, 1900
Liegt ein Strohhalm vor der Tür, so kommt Besuch; trägt er eine Ähre, bedeutet er Damenbesuch, wenn nicht, Herrenbesuch.
Quelle: R. Reichhardt, Volksanschauungen über Tiere und Pflanzen in Nordthüringen, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 10 (1900), S. 213. Seite ansehen
Mark Brandenburg, 1891
Findet man morgens einen Strohhalm mit einer Ähre, deutet das auf Herrenbesuch, ohne Ähre auf Damenbesuch; angenehm ist der Besuch nur, wenn der Halm auf dem Sofa liegt.
Quelle: H. Prahn, Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 1 (1891), S. 189, Nr. 12. Seite ansehen
Oldenburg und Jever, 1867
Liegen auf dem Weg, den man morgens zuerst betritt, ein paar Strohhalme in Kreuzform, heißt das Unglück; Stroh auf dem Fußboden kündigt dagegen Besuch an (Jever).
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 28, § 15. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Bei wem könntest du einfach einmal unangemeldet vorbeischauen?