Schere fällt herunter
Fällt eine Schere oder ein anderer spitzer Gegenstand und bleibt im Boden stecken, bekommt man einen Brief oder Besuch: Diese Regel stammt aus einer Berner Sammlung von 1904. In Oldenburg, Schwaben und Sargans erzählte man fast dasselbe.
Was es bedeuten kann
Eine Schere, die aufrecht im Holzboden steckt, ist ein kleiner Schreck und zugleich ein seltsamer Anblick, fast als hätte sie sich bewusst so hingestellt. Die alten Regeln deuteten das freundlich: Jemand wird kommen, ein Gast oder eine Nachricht. Bemerkenswert ist, dass nicht das Fallen zählte, sondern nur das Steckenbleiben, also das Unwahrscheinliche. Vielleicht ist das der schönste Teil der Überlieferung: im Ungeschick eine Einladung zu sehen. Wen würdest du gern wiedersehen, wenn die Schere heute stecken bliebe? In Bern, Tübingen und im Sarganserland wartete man dann auf Besuch.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Im Holzboden
Nach der Berner Regel von 1904 verheißt jeder spitze Gegenstand, der beim Fallen im Boden stecken bleibt, einen Brief oder Besuch. Ernst Meier hörte dasselbe um 1852 in Schwaben, dort allein von der Schere.
Messer oder Gabel
In Oldenburg galt die Regel um 1867 nicht nur für Scheren, sondern auch für Messer und Gabeln: Was zu Boden fällt und mit der Spitze stecken bleibt, kündigt Besuch an.
Eine Neuigkeit
In Tübingen konnte ein im Boden steckendes Messer oder eine Schere um 1861 neben Besuch auch bedeuten, dass man bald etwas Neues erfährt.
Messer oder Schere im Sarganserland
Im Sarganserland galt die Regel 1908 für Messer und Schere gleichermaßen: Fiel eines davon zu Boden und blieb darin stecken, durfte man auf Besuch hoffen.
Warum es in der Natur passiert
Ob eine Schere stecken bleibt, hängt vor allem davon ab, wie sie fällt und worauf. Fällt sie mit der Spitze voran auf weichen Holzboden, Dielen oder Teppich, bohrt sich die schmale Spitze leicht ein. Auf Fliesen oder Laminat bleibt sie fast nie stecken.
Was der Volksglaube sagt
Kanton Bern, 1904
Wenn eine Schere oder ein anderer spitzer Gegenstand beim Fallen im Boden stecken bleibt, bekommt man einen Brief oder Besuch.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 269, Nr. 26. Seite ansehen
Oldenburg, 1867
Wenn eine Schere, ein Messer oder eine Gabel zu Boden fällt und mit der Spitze im Boden stecken bleibt, kommt Besuch.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 34, § 29. Seite ansehen
Schwaben, 1852
Wenn die Schere auf den Boden fällt und darin stecken bleibt, kommen Gäste.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 493, Nr. 306. Seite ansehen
Tübingen, 1861
Fällt jemandem etwas Spitziges, Messer oder Schere, aus der Hand, so dass es im Boden stecken bleibt, kommt bald Besuch oder man erfährt bald etwas Neues.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 497, Nr. 707/25. Seite ansehen
Sarganserland, 1908
Fällt ein Messer oder eine Schere zu Boden und bleibt darin stecken, so gibt es Besuch.
Quelle: A. Zindel-Kressig, Sagen und Volksglauben aus dem Sarganserland, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 278. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wen würdest du gern einmal wieder an deiner Tür stehen sehen?