Die Raunächte
Die Raunächte, auch Zwölften oder Zwölfnächte genannt, liegen zwischen dem Christfest und dem 6. Januar. Im Erzgebirge, in der Altmark und in Tirol galten sie früher als Tage, an denen bestimmte Arbeiten ruhen sollten.
Was es bedeuten kann
Zwischen den Feiertagen fühlt sich die Zeit anders an: Die Tage sind kurz, viele arbeiten nicht, und das Jahr ist noch nicht ganz zu Ende. Die Raunächte gaben diesem Gefühl früher eine feste Form, mit Regeln, was man tun und lassen sollte. Beim Lesen kannst du dich fragen, welche Arbeit zwischen den Jahren bei dir liegen bleiben darf, ohne dass etwas verloren geht. Ob Spinnen, Dreschen oder Klöppeln ruhen sollte, legte jede Landschaft selbst fest, und manches wurde im Lauf der Zeit umgedeutet.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Zwölf Nächte, viele Namen
Moritz Spieß zählte 1862 für das Erzgebirge auf: Zwölfnächte, zwölf heilige Nächte, Zwölften, Unternächte, Innernächte, Loostage. In Tirol sprach man von Rauchnächten, und heute ist Raunächte der bekannteste Name.
Kein Spinnrad, kein Dreschen
In den ersten sechs Tagen der Zwölfe durfte man in der Altmark nicht spinnen, damit die Wölfe nicht einbrechen. In Marienberg im Erzgebirge wurde nicht gedroschen. Aus Mummendorf in Mecklenburg stammt die Warnung, wer in den Zwölften spinne, komme mit dem Spinnrad in den Mond.
Das Wetter der zwölf Tage
Im Erzgebirge glaubte man allgemein, wie die Witterung in jeder der Zwölften sei, so werde der entsprechende Monat. Meteorologisch hält das keiner Prüfung stand, aber als Übung im genauen Hinschauen auf das Wetter hat es seinen Reiz.
Warum es in der Natur passiert
Ende Dezember sind die Tage am kürzesten; nach der Wintersonnenwende um den 21. Dezember werden sie nur langsam wieder länger. Auf den Höfen ruhte die Feldarbeit ohnehin, und die Zeit zwischen den Festtagen ließ Raum für Hausarbeit, Besuche und Erholung.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Die Tage vom Heiligabend bis zum hohen Neujahr heißen Zwölfnächte, zwölf heilige Nächte, Zwölften, Unternächte, Internächte, Innernächte oder Loostage; man bereitet sich durch Reinlichkeit in Stall und Haus vor und verrichtet keine Feldarbeit.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 6, § 5. Seite ansehen
Erzgebirge (Sachsen), 1862
Während der Zwölfnächte wird nicht gedroschen (Marienberg); auch darf man nicht klöppeln (Grünstädtel).
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 7, Nr. 12. Seite ansehen
Obererzgebirge, 1862
Wie die Witterung in jeder der Zwölften ist, so ist sie in dem entsprechenden Monat des Jahres.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 7, Nr. 20. Seite ansehen
Altmark, 1839
Die Tage zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige heißen die Zwölfe; in diesen Tagen darf kein Mist ausgefahren und in den ersten sechs nicht gesponnen werden, damit die Wölfe nicht einbrechen.
Quelle: J. D. H. Temme, Die Volkssagen der Altmark (Abergläubische Meinungen und Gebräuche in der Altmark) (1839), S. 80. Seite ansehen
Mummendorf (Mecklenburg), um 1880
Wer in den Zwölften spinnt, kommt mit dem Spinnrad in den Mond.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 243, Nr. 1262. Seite ansehen
Wipptal und Inntal, um 1870
Im Wipptal und Inntal wird am 24. und 31. Dezember und am 5. Jänner geräuchert; der 24. Dezember ist die erste Rauchnacht.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 186, Nr. 1534. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welche Arbeit darf in den Tagen zwischen den Jahren bei dir liegen bleiben?