Den Bienen den Tod ansagen
Starb der Hausherr, musste man es den Bienen sagen: In Mecklenburg ging um 1880 ein Angehöriger noch in derselben Stunde zum Bienenstand und stieß jeden Korb an. Sonst, so glaubte man, würden die Bienen eingehen.
Was es bedeuten kann
Dieser Brauch behandelt die Bienen wie Mitglieder des Hauses, denen man eine schwere Nachricht nicht vorenthält. Darin liegt Achtung vor allem, was mit einem Menschen gelebt und gearbeitet hat. Wenn jemand stirbt, betrifft das mehr als die engste Familie: Tiere, Gärten, Nachbarn, Gewohnheiten. Ob man die Körbe anstieß, umstellte oder die Bienen zur Seelenmesse lud, jede Gegend fand ihre eigene Form, und der Brauch berührt Menschen bis heute auf ganz unterschiedliche Weise.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Jeden Korb anstoßen
In Mecklenburg ging nach dem Tod des Hausvaters einer der Angehörigen in derselben Stunde zum Bienenstand, stieß jeden Korb an und sagte, dass der Hausherr gestorben sei. Ohne diese Nachricht, so hieß es, sterbe das Bienenvolk aus.
Die Körbe umstellen
Im Inntal kannte man um 1870 einen anderen Brauch: Starb jemand in einem Haus mit Bienen, musste man die Körbe anders stellen, sonst gingen die Bienen ein. In Söll lud man die Bienen eines verstorbenen Besitzers sogar zur Seelenmesse ein, damit sie nicht aus dem Stock zogen.
Auch Pferde und Bäume
Im Obererzgebirge meldete man um 1860 einen Todesfall allen Tieren des Hauses, damit sie nicht nachstarben. Der Tod des Hausherrn wurde vor allem den Pferden, den Bienen und sogar den Bäumen im Garten angesagt.
Niemand darf weiterschlafen
In Hagenow, Gammelin und anderen Orten Mecklenburgs weckte man nach einem Todesfall alle Hausbewohner, besonders die Kinder, und störte auch die Bienen in ihrer Ruhe, damit sie nicht ausstarben.
Warum es in der Natur passiert
Bienenvölker brauchen über das Jahr regelmäßige Pflege, Schutz im Winter und rechtzeitige Arbeit an den Körben. Starb früher der Imker, stand nicht immer jemand bereit, der sich mit den Völkern auskannte, und so gingen sie tatsächlich ein oder zogen als Schwarm davon. Der Brauch hält diese Verantwortung beim Übergang in neue Hände fest.
Was der Volksglaube sagt
Mecklenburg, um 1880
Stirbt der Hausvater, geht in derselben Stunde ein Angehöriger zum Bienenstand, stößt jeden Korb an und sagt, dass der Hausherr gestorben ist; sonst sterben die Bienen aus.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 160, Nr. 744. Seite ansehen
Obererzgebirge, 1862
Ist jemand im Haus gestorben, muss man es den Tieren des Hauses melden, damit sie nicht nachsterben; den Tod des Hausherrn sagt man besonders den Pferden, den Bienen und den Bäumen des Gartens an.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 38, Nr. 535. Seite ansehen
Inntal (Tirol), um 1870
Stirbt jemand in einem Haus, in dem Bienen gehalten werden, muss man die Bienenkörbe anders stellen, sonst sterben die Bienen ab.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 49, Nr. 429. Seite ansehen
Söll (Tirol), um 1870
Stirbt ein Bienenbesitzer, soll man die Bienen zur Seelenmesse einladen, sonst ziehen sie aus dem Stock.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 49, Nr. 430. Seite ansehen
Hagenow (Mecklenburg), um 1880
Stirbt jemand im Haus, müssen alle Leute, vor allem die Kinder, geweckt werden, sonst bekommen sie einen festen Schlaf; auch die Tiere, besonders die Bienen, müssen aus ihrer Ruhe gestört werden, sonst sterben sie bald aus.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 90, Nr. 282. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wer in deinem Umfeld trauert vielleicht still mit und wird dabei leicht übersehen?