Totenuhr in der Wand
Die Totenuhr ist ein kleiner Käfer, dessen Klopfen im Holz man im Erzgebirge um 1860 als Ankündigung eines nahen Todesfalls im Haus deutete. Im Vinschgau galt dasselbe Klopfen um 1870 dagegen als Glück.
Was es bedeuten kann
Ein regelmäßiges Ticken in einer stillen Nacht kann einen wach halten, besonders wenn jemand im Haus krank ist. Dass man ihm den Namen Totenuhr gab, ist leicht nachzuvollziehen. Inzwischen ist bekannt, dass ein Käfer dahintersteckt, der nach einem Partner ruft. Wenn dich ein Geräusch beunruhigt, kann es helfen, ihm nachzugehen, statt es im Dunkeln wachsen zu lassen. Ob Tod, Glück oder eine Reise, die Deutungen wechselten von Tal zu Tal, und welche dich anspricht, liegt bei dir.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Klopfen in einer stillen Nacht
Im Obererzgebirge nannte man den Käfer Holzwurm, Totenuhr oder Holzmühle und glaubte allgemein, sein Picken kündige den nahen Tod eines Hausbewohners an. Auch in Horgen am Zürichsee rechnete man um 1858 die Totenuhr in der Wand zu den Todesvorzeichen.
Glück statt Unglück
Im Vinschgau sah man es um 1870 genau umgekehrt: Wenn der Hauswurm pickt, heißt das Glück. Dasselbe Geräusch in einem anderen Tal, eine ganz andere Erwartung.
Jemand verreist
In Schwäbisch Gmünd hörte man im Nagen des Holzwurms weder Tod noch Glück, sondern einen Abschied anderer Art: Bald reise jemand fort oder ziehe aus dem Haus aus. Das klingt nüchterner und ist wohl die freundlichste Lesart.
Ein Schmied im Herd
Im Inntal nannte man den klopfenden Holzwurm „Herdschmiedel“ oder „Herdhammerl“, als hämmere ein winziger Schmied am Herd. Klopfte er, sollte bald jemand im Haus sterben.
Warum es in der Natur passiert
Hinter der Totenuhr steckt der Gescheckte Nagekäfer, ein nur fünf bis sieben Millimeter langer Käfer. Zur Paarungszeit schlägt das Männchen mit dem harten Kopfschild gegen das Holz, um Weibchen anzulocken. Seine Larven leben vor allem in Eichenholz, das schon von Pilzen befallen ist, auch in den Balken alter Häuser.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Der Holzwurm, auch Totenuhr oder Holzmühle genannt, kündigt durch sein Picken den nahen Tod eines Hausbewohners an.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 215. Seite ansehen
Horgen (Zürich), 1857–1859
Hört man die „Totenuhr“ in der Wand, ist das ein Todesvorzeichen.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 217, Nr. 9. Seite ansehen
Vinschgau (Südtirol), um 1870
Wenn der Hauswurm, also der Holzwurm, pickt, heißt das Glück.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 33, Nr. 238. Seite ansehen
Inntal (Tirol), um 1870
Klopft das „Herdschmiedel“ oder „Herdhammerl“, also der Holzwurm, stirbt bald jemand im Haus.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 44, Nr. 382. Seite ansehen
Schwäbisch Gmünd, 1867
Hört man den Holzwurm nagen, reist bald jemand fort oder zieht aus dem Haus aus.
Quelle: Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd (Sitten, Gebräuche, Aberglauben, Sagen) (1867), S. 439, Nr. 12,_Gebr%C3%A4uche,_Aberglauben,_Sagen_(Gm%C3%BCnd). Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welche Sorge würde kleiner werden, wenn du ihr in Ruhe auf den Grund gehst?