Wespe oder Hornisse im Haus
Viele Wespen hießen in Tirol ein gutes Jahr und viel süßes Obst. Am Zürichsee achtete man im Frühling auf magere Wespen, in Mecklenburg auf den Platz ihres Nestes, um den Sommer vorherzusagen.
Was es bedeuten kann
Die alten Regeln sahen in Wespen erstaunlich viel Gutes: Sie galten als Anzeiger für ein fruchtbares Jahr. Das passt zu dem, was man heute weiß. Wespen werden dort zahlreich, wo es viel Süßes und viele Insekten gibt, also in reichen Sommern. Eine Wespe im Haus lenkt den Blick auf Dinge, die lästig wirken und trotzdem zu einer guten Zeit gehören. Ob in Soll, im Etschland oder in Mecklenburg, jede Gegend las etwas anderes aus ihnen; die Begegnung selbst verlangt vor allem Gelassenheit.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Eine Wespe am Fenster
Wespen, die sich ins Haus verirren, suchen in der Regel den Weg zurück ins Helle und stoßen dabei gegen die Scheibe. Ein Glas darüber, ein Blatt Papier darunter, und sie ist draußen. Ruhige Bewegungen helfen mehr als Schlagen.
Viele Wespen im Spätsommer
In Soll in Tirol hießen viele Wespen ein gutes Jahr, im Etschland viel süßes Obst. Tatsächlich sind Wespen im August und September am zahlreichsten und werden von reifem Obst angelockt. Die Regel vertauscht Ursache und Wirkung also ein wenig.
Eine Hornisse im Zimmer
Hornissen fliegen auch nachts und folgen dem Licht durch offene Fenster. Sie sind größer als Wespen, aber gelassener, als ihr Ruf vermuten lässt, und stehen in Deutschland unter besonderem Schutz. Licht aus und Fenster auf genügt, damit sie wieder hinausfinden.
Wo das Nest hängt
In Mecklenburg hieß es: Bauen die Wespen im Boden oder in Gebüschen, wird der Sommer trocken; bauen sie in Häusern oder hohlen Bäumen, wird er nass. Wo eine Königin im Frühjahr ihr Nest anlegt, hängt in Wahrheit davon ab, welchen geschützten Platz sie findet.
Warum es in der Natur passiert
Im Frühjahr gründet eine einzelne Königin ein neues Volk, das bis zum Spätsommer auf Hunderte oder Tausende Tiere anwächst. Dann suchen die Arbeiterinnen nach Süßem und landen auf Kuchen, Obst und in Wohnungen. Im Herbst stirbt das Volk, nur junge Königinnen überwintern.
Was der Volksglaube sagt
Horgerberg (Zürich), 1898
Magere Wespen im Frühling heißen ein fruchtbares Jahr.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 222, Nr. 77. Seite ansehen
Soll (Tirol), um 1870
Viele Wespen heißen ein gutes Jahr.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 98, Nr. 852. Seite ansehen
Etschland (Südtirol), um 1870
Viel Wespen, viel süßes Obst.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 98, Nr. 853. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Bauen die Wespen im Boden oder in Gebüschen, wird der Sommer trocken; bauen sie in Häusern oder hohlen Bäumen, wird er nass.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 206. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was empfindest du gerade als lästig, obwohl es zu einer guten Zeit gehört?