Eine Spinne töten
Wer eine Spinne tötet, hat kein Glück: Davon war man um 1860 im gesamten Obererzgebirge überzeugt, und schon um 1700 hieß es in Chemnitz, Spinnen umzubringen sei nicht gut. In Tirol schonte man besonders die Kreuzspinne.
Was es bedeuten kann
Eine Spinne zu erschlagen geht schnell, sie hinauszutragen braucht Geduld und ein Glas. Die alten Regeln standen klar auf der Seite der Geduld. Vielleicht steckt darin mehr als Aberglaube: die Frage, wie du mit Dingen umgehst, die dich stören, aber niemandem schaden. Manchmal genügt es, etwas an einen anderen Platz zu bringen, statt es zu beseitigen. In Chemnitz hielt man das Töten schon um 1700 für nicht gut, in Tirol schonte man vor allem die Kreuzspinne, und heute entscheidet darüber jeder selbst.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Mit Glas und Karte hinaus
Ein Glas über die Spinne stülpen, ein Stück Karton darunterschieben und sie draußen absetzen: So bleibt die alte Regel gewahrt, und die Spinne fängt im Garten weiter Insekten. In der warmen Jahreszeit findet sie dort leicht einen neuen Platz.
Eine Kreuzspinne im Garten
In Tirol nannte man Kreuzspinnen „Muttergottesthierlein“ und tat ihnen deshalb nichts zuleide; sie sollten Glück bringen. Der Name spielt wohl auf das helle Kreuzmuster auf ihrem Rücken an.
Viele Spinnen im Stall
Aus dem Südtiroler Etschtal ist um 1870 die Regel belegt: Sind viele Spinnen im Stall, ist das Vieh gesund. Spinnen fangen dort die Fliegen, die Kühe und Pferde plagen.
Eine Spinne auf dem Weg
Im Inntal galt es um 1870 als gutes Vorzeichen, wenn einem Hirten, der verirrtes Vieh suchte, eine Spinne begegnete; eine Maus dagegen verhieß Unglück. Dasselbe sagte man von Jägern.
Warum es in der Natur passiert
Spinnen sind Räuber, die Fliegen, Mücken und andere Insekten fangen. Die Arten in unseren Wohnungen sind für Menschen in aller Regel harmlos. Wer sie loswerden will, muss sie nicht töten; in der warmen Jahreszeit kann man sie einfach nach draußen setzen.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Wer eine Spinne tötet, hat kein Glück.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 30, Nr. 367. Seite ansehen
Chemnitz, um 1700
Spinnen umzubringen ist nicht gut.
Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXX, Nr. 76. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Die Kreuzspinnen sind „Muttergottesthierlein“, deshalb soll man ihnen kein Leid tun; sie bringen Glück.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 96, Nr. 834. Seite ansehen
Etschtal (Südtirol), um 1870
Sind viele Spinnen im Stall, ist das Vieh gesund.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 96, Nr. 833. Seite ansehen
Inntal (Tirol), um 1870
Begegnet einem Hirten, der verirrtes Vieh sucht, eine Spinne, ist das gut; begegnet ihm eine Maus, bedeutet es Unglück. Dasselbe gilt bei Jägern.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 96, Nr. 835. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was stört dich gerade, ohne jemandem zu schaden, und könnte einfach einen anderen Platz bekommen?