Spiegel verhängen bei einem Todesfall
Nach einem Todesfall verhängte man im Erzgebirge um 1860 Spiegel, Bilder und Uhren mit weißen Tüchern, bis nach dem Begräbnis. In Mecklenburg sollte der verhängte Spiegel verhindern, dass der Tote doppelt erscheint.
Was es bedeuten kann
Ein verhängter Spiegel verändert einen Raum sofort: Er wird stiller, und man begegnet nicht ständig sich selbst. Für ein Trauerhaus kann das eine Erleichterung sein, eine Pause vom gewohnten Blick und vom Alltag, der weiterlaufen will. Wer trauert, darf sich solche Schonräume schaffen, auf welche Weise auch immer. Im Erzgebirge ging es um weiße Tücher über allem Glänzenden, in Mecklenburg um die Sorge vor einer Wiederkehr; Familien halten es bis heute auf ihre eigene Weise.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Weiße Tücher über allem Glänzenden
Im Obererzgebirge verhüllte man nach einem Todesfall allgemein alles Glänzende und Rote, etwa Spiegel, Fenster, Bilder und Uhren, mit weißen Tüchern. Die Überhänge blieben bis nach der Beerdigung.
Damit der Tote nicht doppelt ist
In Mecklenburg verhängte man den Spiegel im Sterbezimmer sofort, damit der Verstorbene sich nicht darin spiegele und so doppelt sei; sonst, glaubte man, hole er jemanden aus dem Haus nach.
Beim Tragen in ein anderes Zimmer
Trug man den Toten in einen anderen Raum, verhängte man auch dort den Spiegel. Sah sich der Verstorbene darin, so erzählte man in Mecklenburg, komme er wieder.
Warum es in der Natur passiert
Früher blieben Verstorbene in der Regel bis zur Beerdigung im eigenen Haus aufgebahrt, und Angehörige, Nachbarn und Bekannte kamen zum Abschied. Verhängte Spiegel und Bilder machten jedem Besucher sofort klar, dass hier ein Trauerhaus war, und nahmen dem Raum seinen alltäglichen Glanz.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Nach einem Todesfall verhüllt man alles Glänzende und Rote, etwa Spiegel, Fenster, Bilder und Uhren, mit weißen Tüchern; die Überhänge bleiben bis nach dem Begräbnis.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 38, Nr. 536 (zweiter Teil). Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Der Spiegel im Sterbezimmer muss sofort verhängt werden, damit der Tote durch das Spiegelbild nicht doppelt ist; sonst holt er jemanden aus dem Haus nach.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 89, Nr. 278. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Trägt man den Toten in ein anderes Zimmer, verhängt man auch dort den Spiegel, denn sieht sich der Tote im Spiegel, kommt er wieder.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 90, Nr. 279. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was hilft dir, eine schwere Zeit sichtbar anders sein zu lassen als die übrigen Tage?