Motte oder Nachtfalter im Haus
Einen Nachtfalter ins Schlafzimmer zu holen, galt im Tiroler Inntal einst als gefährlich: Man nannte ihn „Hexe“. In Stockach sah man in bestimmten Faltern im Frühling Vorboten eines schlechten Jahres.
Was es bedeuten kann
Nachtfalter genießen wenig Ansehen, und das zu Unrecht. Sie kommen ungefragt herein, flattern unruhig und verschwinden irgendwo hinter dem Schrank. Die Tiroler Namen „Hexe“ und „Hungervogel“ machen deutlich, wie viel Sorge man in diese kleinen Tiere legte. So ein Besucher führt vor Augen, wie viel Leben sich in der Dunkelheit regt, die wir für leer halten. Was man in ihm sieht, Plage, Vorbote oder einfach ein Insekt, hing schon früher vom Tal und von der eigenen Stimmung ab.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Ein Falter im Schlafzimmer
Im Tiroler Inntal hieß es, wer einen Nachtfalter, „Hexe“ genannt, lebendig mit nach Hause nimmt und im Schlafzimmer behält, sterbe noch in derselben Nacht. Heute kann man ihn einfach hinauslassen: Licht aus, Fenster auf, und er findet hinaus.
Viele Falter im Frühling
In Stockach im Lechtal nannte man eine bestimmte Art von Nachtfaltern „Hungervögel“: Erschienen sie im Frühling, sollte ein schlechtes Jahr kommen. Wie viele Falter einer Art fliegen, hängt von Wetter und Futterpflanzen ab, ein Erntejahr sagen sie aber nicht voraus.
Kleine Motten in der Küche
Die kleinen Falter, die in Küchenschränken auftauchen, sind meist Lebensmittelmotten. Ihre Larven leben in Mehl, Nüssen oder Getreide. Mit Volksglauben haben sie nichts zu tun, mit offenen Vorratspackungen viel.
Warum es in der Natur passiert
Der Großteil der Schmetterlingsarten in Mitteleuropa ist nachtaktiv. Viele werden von künstlichem Licht angezogen und geraten so durch offene Fenster ins Haus. Kleider- und Lebensmittelmotten sind dagegen kleine Falter, deren Larven Wolle oder Vorräte fressen.
Was der Volksglaube sagt
Inntal (Tirol), um 1870
Wer einen Nachtschmetterling, „Hexe“ genannt, lebendig mit nach Hause nimmt und im Schlafzimmer behält, stirbt noch in derselben Nacht.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 96, Nr. 828. Seite ansehen
Stockach (Tirol), um 1870
Kommt ein schlechtes Jahr, erscheinen im Frühling „Hungervögel“; so heißt eine Art Nachtfalter.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 96, Nr. 829. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wann hast du zuletzt bewusst wahrgenommen, wie die Welt nach Einbruch der Dunkelheit klingt?