Spinne am Morgen
„Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen“ kennt fast jeder. Schon 1862 hielt der Sammler Moritz Spieß diesen Spruch für jünger als den Glauben, dass eine Spinne am Morgen Glück verheißt.
Was es bedeuten kann
Zwei Sprüche, die einander widersprechen, für dieselbe kleine Begegnung am Frühstückstisch: Das ist typisch für den Volksglauben. Er sagt weniger über die Spinne als darüber, mit welcher Laune man in den Tag geht. Entdeckst du morgens eine Spinne, kannst du dich fragen, ob du den Tag eher mit Sorge oder mit Zuversicht beginnst und was den Ausschlag gibt. Die Deutung hing schon früher von Uhrzeit, Ort und Richtung ab. Du darfst dir also die Lesart aussuchen, die dir an diesem Morgen weiterhilft.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Eine Spinne läuft auf dich zu
Im Obererzgebirge galt genau das als gutes Vorzeichen, wenn es am Morgen geschah. In Raschau sprach man die Spinne sogar an: „Bringst du Glück, bleib stehen, bringst du keins, lauf fort.“ Blieb sie sitzen, war die Sache entschieden.
Am Abend statt am Morgen
Bei Röbel in Mecklenburg war es genau umgekehrt wie im bekannten Spruch: Eine kleine Spinne, die morgens über Hand oder Körper krabbelte, sollte drei Tage Glück ins Haus holen, abends drei Tage Unglück. Der Morgen war hier die gute Seite.
Kreuzspinne über der Haustür
Im Kanton Luzern freute man sich, wenn eine Kreuzspinne ihr Netz über der Haustür spann. Bei anderen Spinnen sah man es umgekehrt. Kreuzspinnen spannen ihre Netze im Spätsommer gern an Türen und Fenstern, wo Licht abends Insekten anlockt.
Die Uhrzeit zählt
In Zwickau unterschied man sogar nach Stunden: Kreuzspinnen in der siebten Morgenstunde hießen Glück, in der zehnten Vormittagsstunde eher Verdruss. So versuchte man, die beiden widersprüchlichen Sprüche unter einen Hut zu bringen.
Warum es in der Natur passiert
Im Spätsommer und Herbst laufen viele Winkelspinnen durch Wohnungen, weil die Männchen ein Weibchen suchen. Deshalb sieht man in diesen Wochen mehr Spinnen auf Böden und Wänden. Morgens fallen sie besonders in Badewanne oder Waschbecken auf, aus denen sie nicht mehr herausklettern können. Hausspinnen fressen Mücken und Fliegen.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Läuft früh eine Spinne auf jemanden zu, heißt das Glück. Den bekannten Kummer-und-Sorgen-Spruch hielt Spieß schon damals für jünger.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 213. Seite ansehen
Zöblitz (Erzgebirge), 1862
Läuft die Spinne an jemandem hinauf, heißt das Glück, läuft sie abwärts, Unglück.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 214. Seite ansehen
Röbel (Mecklenburg), um 1880
Kriecht einem morgens eine kleine Spinne über Hand oder Leib, holt sie für drei Tage Glück ins Haus; geschieht es am Abend, drei Tage Unglück.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 184, Nr. 878. Seite ansehen
Kanton Luzern, 1898
Spinnt eine Kreuzspinne über einer Haustür ihr Netz, ist das Glück für das Haus; bei einer anderen Spinne gilt das Gegenteil.
Quelle: J. Bürli, Volkstümliches aus dem Kanton Luzern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 281. Seite ansehen
Schwäbisch Gmünd, 1867
Wenn eine Spinne auf einen herabfällt, heißt das Glück.
Quelle: Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd (Sitten, Gebräuche, Aberglauben, Sagen) (1867), S. 439, Nr. 13,_Gebr%C3%A4uche,_Aberglauben,_Sagen_(Gm%C3%BCnd). Seite ansehen
Zum Nachdenken
Mit welcher Erwartung beginnst du deine Tage, und wovon hängt sie ab?