Mairegen macht groß
Wer vom Mairegen nass wird, wächst: Daran glaubte man 1867 in Oldenburg, und die Kinder stellten sich dafür sogar ohne Mütze in den Regen. Im Kanton Bern hieß es 1904 ganz allgemein: Wer von Mairegen nass werde, wachse noch.
Was es bedeuten kann
Ein warmer Schauer im Mai riecht nach Erde, und Gras und Beete legen in wenigen Tagen sichtbar zu. Kein Wunder, dass man diese Kraft auch den Kindern wünschte. Hinter dem alten Brauch steckt der Wunsch, beim Wachsen mitzuhelfen, wo man eigentlich nur abwarten kann. Das kennen viele: Etwas soll gedeihen, ein Kind, ein Vorhaben, eine Freundschaft, und man sucht nach einem Weg, etwas beizutragen. Oft reicht es, gute Bedingungen zu schaffen und dann Geduld zu haben. Oldenburg, Schwaben und Bern erzählten denselben Brauch mit eigenen Worten.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Ohne Mütze in den Regen
In Oldenburg stellten sich Kinder um 1867 in den Mairegen und nahmen dabei die Mütze ab, damit er besser wirke. Der Gedanke war schlicht: Was dem Gras guttut, sollte auch Kindern guttun.
Man wächst noch
Im Kanton Bern sprach der Spruch 1904 nicht ausdrücklich von Kindern. Wer von Mairegen nass werde, wachse noch, hieß es dort, und damit konnte sich auch ein Erwachsener bei einem plötzlichen Schauer trösten.
Hinausstehen in Schwaben
Eine schwäbische Sammlung hielt 1861 fest, die Kinder sollten in den Maienregen „hinausstehen“, damit sie recht groß würden. Im selben Abschnitt stehen Regeln, wie man den Regen wieder aufhören lässt.
Brandenburg und Erzgebirge
Der Volkskundler Max Bartels berichtete 1903, in Brandenburg rate man den Kindern, in den Mairegen hinauszutreten; im Erzgebirge genüge schon der Regen allein, gleich in welchem Monat.
Warum es in der Natur passiert
Im Mai steht die Sonne hoch, und täglich verdunstet mehr Wasser aus dem Boden. Zugleich treiben die Pflanzen Blätter, über die weiteres Wasser verdunstet. Häufiger Regen ist deshalb in dieser Zeit für gutes Pflanzenwachstum besonders wichtig. Auf das Wachstum von Kindern hat er keinen Einfluss.
Was der Volksglaube sagt
Oldenburg, 1867
Wenn Mairegen auf Menschen fällt, wachsen sie; Kinder stellen sich deshalb in den Regen und nehmen dazu die Mütze ab.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 2 (1867), Bd. 2, S. 54–55, § 323. Seite ansehen
Kanton Bern, 1904
Wenn man von Mairegen nass wird, so wächst man noch.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 270, Nr. 52. Seite ansehen
Schwaben, 1861
In den Maienregen sollen die Kinder hinausstehen, damit sie recht groß werden.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 196, Nr. 309/2. Seite ansehen
Brandenburg und Erzgebirge, 1903
Um das Wachstum zu fördern, rät man den Kindern in Brandenburg, in den Mairegen hinauszutreten; im Erzgebirge tut es schon der Regen allein.
Quelle: Max Bartels, Volks-Anthropometrie, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 13 (1903), S. 357. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was möchtest du gerade wachsen sehen, und was kannst du dazu beitragen, außer zu warten?