Regenbogen sehen
Wo der Regenbogen die Erde berührt, liegt ein Schatz: Das erzählte man um 1860 im Erzgebirge und um 1870 in Tirol. Daneben hatten Bauern nüchterne Regeln, die aus dem Bogen das Wetter der nächsten Tage lasen.
Was es bedeuten kann
Ein Regenbogen gehört immer nur dem Menschen, der ihn gerade sieht: Wer ein paar Schritte zur Seite geht, blickt schon auf einen etwas anderen Bogen. Vielleicht fühlt er sich deshalb so persönlich an. Die alten Deutungen machten aus ihm einen Wegweiser zum Schatz oder einen Wetterboten. Am schönsten ist er, wenn man jemanden dazuruft und ihn gemeinsam ansieht. Welche Bedeutung man ihm gab, hing stark davon ab, ob man auf Glück oder auf trockenes Erntewetter hoffte.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Wo der Bogen die Erde berührt
In Sosa im Erzgebirge riet man, ohne Rast zu dem Ort zu gehen, an dem der Regenbogen aufzutreffen scheint: Dort liege ein Schatz. In Stilfs in Südtirol warf man um 1870 die Mütze an diese Stelle, damit sie voll Geld herunterfalle. Physikalisch gibt es den Ort nicht, denn der Bogen wandert mit dem Betrachter.
Regenbogen und das Wetter von morgen
Im Erzgebirge las man den Bogen vor allem als Wetterregel. In Schwarzenberg hieß es, nach einem Regenbogen regne es am nächsten Tag wieder. In Raschau galt: Regnet es, während der Bogen am Himmel steht, regnet es noch drei Tage. Bei Innsbruck sagte man: kurz schönes Wetter, dann bald Regen „nach Ungnaden“.
Goldene Schüsseln
In Pflach im Außerfern erzählte man, der Regenbogen stehe auf beiden Seiten in goldenen Schüsseln; scheine die Sonne darauf, entstehe der Bogen. Das ist eine poetische Erklärung, die das Licht schon mitdenkt: Ohne Sonne im Rücken gibt es keinen Regenbogen.
Warum es in der Natur passiert
Ein Regenbogen entsteht, wenn Sonnenlicht in Regentropfen gebrochen und zurückgeworfen wird. Man sieht ihn nur mit der Sonne im Rücken, am ehesten am Morgen oder am späten Nachmittag, wenn die Sonne tief steht. Jeder Mensch sieht seinen eigenen Bogen, deshalb weicht er zurück, wenn man auf ihn zugeht.
Was der Volksglaube sagt
Sosa (Erzgebirge), 1862
Steht ein Regenbogen am Himmel, soll man ohne Ausruhen zu dem Ort gehen, wo er aufzutreffen scheint: Dort liegt ein Schatz.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 35, Nr. 460. Seite ansehen
Schwarzenberg (Erzgebirge), 1862
Wenn ein Regenbogen entsteht, regnet es am anderen Tag wieder.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 71, Nr. 804. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Der Regenbogen heißt Friede.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 115, Nr. 1008. Seite ansehen
Pflach (Tirol), um 1870
Der Regenbogen steht auf beiden Seiten in goldenen Schüsseln; scheint die Sonne auf diese, entsteht der Bogen.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 115, Nr. 1011. Seite ansehen
Stilfs (Südtirol), um 1870
Wirft man an der Stelle, wo ein Regenbogen beginnt, die Mütze hoch in die Luft, fällt sie voll Geld herunter.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 115, Nr. 1012. Seite ansehen
Raschau (Erzgebirge), 1862
Wenn es regnet, während ein Regenbogen am Himmel steht, regnet es noch drei Tage hintereinander.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 71, Nr. 805. Seite ansehen
bei Innsbruck, um 1870
Zeigt sich ein Regenbogen, wird für den Augenblick schönes Wetter; bald regnet es aber „nach Ungnaden“.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 115, Nr. 1009. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wen würdest du ans Fenster rufen, wenn draußen gerade ein Regenbogen stünde?