Regen am Medardustag
Regnet es am Medardustag, dem 8. Juni, so regnet es vierzig Tage lang: Diese Regel kannte man von Oldenburg bis in die Steiermark. Ein alter Reim, 1864 in einer Sammlung abgedruckt, fügt augenzwinkernd hinzu: „Und mehr, wer’s glauben mag.“
Was es bedeuten kann
Je öfter eine Regel weitererzählt wird, desto runder werden ihre Zahlen. Beim Medardustag sind es mal vierzig Tage, mal dreißig, mal vier Wochen, und ein alter Reim lässt die Zahl gleich offen: vierzig oder vierzehn, „und mehr, wer’s glauben mag“. Das lädt zu einem kleinen Selbstversuch ein: Welche Sätze trägst du mit dir herum, deren Zahlen beim Erzählen gewachsen sind? Zwischen Köln, Basel-Land und Oldenburg schwankte die Rechnung, die Sorge um Heu und Trauben blieb dieselbe.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Vierzig Tage
Strackerjan notierte für Oldenburg: Regnet es am Medardustag, regnet es vierzig Tage. In der Steiermark galt 1897 dasselbe auch für schönes Wetter, und in Basel-Land hieß es sogar: vierzig Tage Regen, „und wenn’s alle Tag nur e Tropfe sy sott“.
Schlechtes Heuwetter
Der Juni ist Heuzeit. In Basel-Land hieß der 8. Juni Mäderlistag, und Regen an diesem Tag versprach dort eine schlechte Heuernte. Im Kanton Zug zählte Medardus um 1897 zu drei wichtigen Lostagen des Sommers.
Weinbauern am Rhein
Am Rhein ging es um die Reben: In Köln bekreuzigte sich der Weinbauer, wenn es am Medardustag regnete, und in Koblenz hieß es, dann flössen die Trauben den Rhein hinunter.
Ein nasser Sommer im Etschland
Im Etschland in Südtirol glaubte man 1864: Wenn es an Medardi regnet, gibt es einen nassen Sommer. Auch in Tirol rechnete man nach der Sammlung mit vierzig nassen Tagen.
Warum es in der Natur passiert
Um den 11. Juni stellt sich in Mitteleuropa häufig die Schafskälte ein. Das Land hat sich im Frühsommer schon stärker erwärmt als das Meer, und aus Nordwesten strömt kühle, feuchte Luft herein. Solche Lagen können sich einige Zeit halten, weshalb der Sommeranfang oft wechselhaft ist; vierzig Regentage folgen daraus nicht.
Was der Volksglaube sagt
deutsche Bauernregel, 1864
„Sanct Medardus keinen Regen trag’, es regnet sonst wohl vierzig (vierzehn) Tag, und mehr, wer’s glauben mag.“
Quelle: Otto Freiherr von Reinsberg-Düringsfeld, Das Wetter im Sprichwort (1864), S. 141. Seite ansehen
Oldenburg, 1867
Wenn es am Medardustag regnet, regnet es vierzig Tage lang.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 2 (1867), Bd. 2, S. 55, § 324. Seite ansehen
Steiermark, 1897
Ist am Medardustag schönes Wetter oder regnet es, so bleibt es vierzig Tage danach ebenso.
Quelle: Franz Ilwof, Zur Volkskunde der Steiermark, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 3 (1897), S. 46. Seite ansehen
Basel-Land, 1908
Regnet es am Mäderlistag, dem 8. Juni, gibt es eine schlechte Heuernte, oder es regnet vierzig Tage, und sei es jeden Tag nur ein Tropfen.
Quelle: A. Müller (Sammler), Aus dem Volksmund und Volksglauben des Kantons Basel-Land, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 18, Nr. 64. Seite ansehen
Köln, 1873
Wenn es auf Medardus regnet, bekreuzigt sich der Weinbauer.
Quelle: Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.), Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Bd. 3 (1873), Bd. 3, Sp. 553, Medardus Nr. 12. Seite ansehen
Etschland (Südtirol), 1864
Wenn es an Medardi regnet, gibt es einen nassen Sommer.
Quelle: Otto Freiherr von Reinsberg-Düringsfeld, Das Wetter im Sprichwort (1864), S. 141. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welche Geschichte erzählst du gern, deren Zahlen mit der Zeit etwas größer geworden sind?