Regen am Hochzeitstag
„Wenn es der Braut in den Kranz regnet, ist die Ehe gesegnet“: Dieser Spruch war um 1860 im Obererzgebirge weit verbreitet. Um 1870 hieß Regen am Hochzeitstag in Tirol Reichtum, in Palu im Trentino dagegen Streit.
Was es bedeuten kann
Wer monatelang eine Hochzeit plant, möchte am liebsten auch das Wetter bestellen. Die alten Sprüche drehen die Enttäuschung um: Aus nassen Schuhen wird ein Segen. Darin steckt eine kluge Haltung für jeden großen Tag, der nicht ganz nach Plan läuft. Was du nicht in der Hand hast, darfst du freundlich deuten, und vielleicht erzählst du gerade davon später am liebsten. Ob Regen Glück oder Ärger verhieß, beurteilten schon das Erzgebirge, Tirol und Palu ganz unterschiedlich.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Regen in den Brautkranz
Überall im Obererzgebirge sagte man sinngemäß: Regnet es der Braut in den Kranz, ist die Ehe gesegnet. Der Kranz gehörte damals zum Brautschmuck, und Regen, der darauf fällt, war ein Bild, das jeder sofort verstand.
Sonne und Regen zugleich
In Schneeberg hielt man es für günstig, wenn es auf dem Weg zur Kirche regnete, während die Sonne schien. In Lößnitz zählte schon Regen am Tag vor der Hochzeit dazu.
Schnee am Hochzeitstag
Nach Tiroler Überlieferung um 1870 sollte ein Paar reich werden, wenn es am Hochzeitstag regnete oder schneite. In Palu, einer deutschen Sprachinsel im Trentino, kehrte man die Regel um und erwartete Streit. So kann derselbe Himmel in zwei Tälern zwei Geschichten erzählen.
Wind statt Regen
Gefürchtet war in Südtirol um 1870 eher der Wind: Er sollte am Hochzeitstag den ganzen Segen aus dem Haushalt forttragen. Wer im Freien feiert, kennt die praktische Seite davon, wenn Servietten und Blumen davonwehen.
Warum es in der Natur passiert
Viele Hochzeiten finden im Sommer statt, und gerade dann bilden sich in Mitteleuropa am Nachmittag gern Schauer und Gewitter, wenn die Sonne den Boden aufheizt und feuchte Luft aufsteigt. Ein Regenguss am Hochzeitstag ist daher nichts Seltenes, auch wenn der Vormittag strahlend begann.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
„Wenn es der Braut in den Kranz regnet, ist die Ehe gesegnet.“
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 18, Nr. 189. Seite ansehen
Lößnitz und Schneeberg, 1862
Für günstig hält man Regen am Tag vor der Hochzeit oder beim Gang in die Kirche, während die Sonne scheint.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 18, Nr. 190. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Regnet oder schneit es am Hochzeitstag, wird das Brautpaar reich.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 21, Nr. 140. Seite ansehen
Palu (Trentino), um 1870
Regnet oder schneit es am Hochzeitstag, hat das Brautpaar Streit.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 21, Nr. 141. Seite ansehen
Südtirol, um 1870
Am Hochzeitstag soll kein Wind gehen, sonst trägt er allen Segen im Haushalt fort.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 22, Nr. 142. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welcher Tag ist bei dir anders gelaufen als geplant und wurde gerade dadurch unvergesslich?