Everyday Omens

Rose von Jericho an Weihnachten

Eine Rose von Jericho, die in der Heiligen Nacht im Wasserglas bis nach der Mitternachtsmesse aufging, versprach um 1905 im Aargauer Freiamt ein gutes Jahr. Ähnliches kannte man in Zug.

Was es bedeuten kann

Eine Pflanze, die aussieht wie ein vertrocknetes Knäuel und sich im Wasser langsam öffnet, wirkt wie ein kleines Wunder. Kein Wunder, dass man sie in die Weihnachtsnacht holte, als Bild für Hoffnung mitten im Winter. Dass sie sich auch zuverlässig öffnete, gab dem Brauch etwas Tröstliches: Man durfte mit einem guten Zeichen rechnen. Wer heute eine solche Pflanze auf dem Weihnachtsmarkt kauft, hält ein Stück Geduld in der Hand: Was abgeschrieben wirkt, kann mit etwas Wasser wieder aufgehen. In Zug, in Einsiedeln und im Freiamt gehörte sie fest zur Heiligen Nacht.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Ein Glas Wasser am Heiligabend

Im Aargauer Freiamt stellte man die Rose um 1905 nach Einbruch der Nacht ins Wasser und betete einen Psalter. Ging sie bis zur Heimkehr aus der Mitternachtsmesse auf, verhieß das ein gutes Jahr.

Wiesen und Obstbäume

Im Kanton Zug schloss man um 1897 aus der mehr oder weniger vollkommenen Entfaltung der „Weihnachtsrose“ auf die Fruchtbarkeit der Wiesen und Obstbäume.

Die Rose des Nachbarn

In Einsiedeln besaß ein Nachbar des Sammlers J. Ochsner seit vielen Jahren eine Rose von Jericho, ließ sie in der Heiligen Nacht um Mitternacht aufblühen und führte sie den Leuten vor. Man versicherte ihnen, sie blühe zu keiner anderen Zeit auf.

Bei Gewitter ins Wasser

In der Steiermark verwahrten viele Häuser um 1897 eine geweihte Rose von Jericho. Bei Gewittern stellte man ihren Stängel in Wasser, damit sie sich öffne und Blitzschläge abwehre.

Warum es in der Natur passiert

Die heute als Rose von Jericho verkaufte Pflanze ist meist ein Moosfarn aus den Wüsten von Texas und Mexiko. Trocknet sie aus, rollt sie sich zu einer Kugel zusammen; im Wasser saugen sich ihre Zellen voll, und sie breitet sich in einigen Stunden wieder aus. Das ist ein rein physikalischer Vorgang, der sich jedes Mal wiederholt, wenn sie wieder Wasser bekommt, zu jeder Jahreszeit.

Was der Volksglaube sagt

Freiamt (Aargau), 1905

Wo in einem Haus eine Weihnachtsrose ist, wird sie nach Einbruch der Nacht in ein Glas Wasser gestellt; geht die Rose bis nach der Heimkunft aus dem Mitternachtsgottesdienst auf, bedeutet das ein gutes Jahr.

Quelle: S. Meier, Volkstümliches aus dem Frei- und Kelleramt, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 9 (1905), S. 36–37. Seite ansehen

Kanton Zug, 1897

Der mehr oder minder vollkommenen Entfaltung der Weihnachtsrose wird hohe Bedeutung zugeschrieben; man schließt daraus auf die Fruchtbarkeit der Wiesen und Obstbäume.

Quelle: A. Ithen, Volkstümliches aus dem Kanton Zug, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 1 (1897), S. 65. Seite ansehen

Einsiedeln, 1862–1871

Ein Nachbar lässt seine Jerichorose in der Heiligen Nacht um zwölf Uhr aufblühen und zeigt sie den Leuten; man versichert, sie blühe zu keiner anderen Zeit auf.

Quelle: J. Ochsner, Volkstümliches aus Einsiedeln und Umgebung, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 302. Seite ansehen

Steiermark, 1897

In vielen Häusern verwahrt man die geweihte Rose von Jericho, die sich öffnet, wenn man ihren Stängel in Wasser gibt; das tut man bei Gewittern, um Blitzschläge abzuwehren.

Quelle: Franz Ilwof, Zur Volkskunde der Steiermark, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 3 (1897), S. 45. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Was hast du vorschnell für vertrocknet gehalten, das vielleicht nur auf Wasser wartet?