Tiere sprechen in der Christnacht
In Ober- und Niederösterreich glaubte man um 1859, dass um zwölf Uhr in der Christnacht alle Tiere reden können. In der Steiermark, in Schwaben, Bayern und im Kanton Zug erzählte man Ähnliches, mal mit freundlichem, mal mit ernstem Ausgang.
Was es bedeuten kann
In der Vorstellung, dass Tiere einmal im Jahr sprechen dürfen, steckt viel Mitgefühl. In Österreich hieß es, das Reden sei die einzige Freude, die Gott ihnen gewährt habe, ein Ausgleich für die Last des ganzen Jahres. Darum schonten manche Bauern ihr Vieh in dieser Nacht. Daraus lässt sich eine Frage für heute machen: Wer trägt in deinem Umfeld still viel, ohne darüber zu reden, und wann bekommt er Gelegenheit dazu? Ob die Tiere dabei Gutes verkündeten oder Lauscher warnten, erzählte man in der Steiermark, in Schwaben und in Bayern jeweils auf eigene Weise.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Der Hahn ruft die Nachricht
In St. Georgen an der Stiefing in der Steiermark erzählte man um 1895: Um Mitternacht schrie der Hahn plötzlich „Christus ist geboren!“, und der Hund fragte: „Wo, wo? Wo, wo?“ Seitdem, so hieß es, sprächen die Tiere zu dieser Stunde.
Das Vieh kniet im Stall
In Friedingen auf dem Heuberg glaubte man um 1852, zur Geburtsstunde Christi um zwölf Uhr liege alles Vieh auf den Knien und bete. Hier redeten die Tiere nicht, sie feierten still mit.
Das beste Heu am Heiligabend
Im Kanton Zug gab man dem Vieh um 1897 auf vielen Höfen an diesem Abend das beste Heu, weil manche sagten, am Heiligabend könne jedes Tier im Stall ein Wort sprechen.
Wer lauscht, erfährt nichts
Eine bayerische Sammlung von 1898 berichtet mit einem Augenzwinkern, das Vieh mache in der Christnacht Zukünftiges offenbar; um es zu hören, müsse man sich aber im Stall verstecken und die Christmette versäumen. Deshalb habe es noch niemand erfahren. Andere Sagen warnten Lauscher ernster.
Warum es in der Natur passiert
In der Stille einer Winternacht, wenn Menschen zur Mitternachtsmette gingen, waren die Geräusche im Stall besonders deutlich zu hören: Atmen, Kauen, das Klirren einer Kette, ein Schnauben. Solche Laute mögen Geschichten vom sprechenden Vieh einen anschaulichen Hintergrund gegeben haben.
Was der Volksglaube sagt
Ober- und Niederösterreich, 1859
Um zwölf Uhr in der Christnacht können alle Tiere reden; sie erzählen einander, was sie im Jahr erduldet haben. Viele Bauern wagen es nicht, die Tiere in dieser Nacht zu nutzen.
Quelle: Theodor Vernaleken, Mythen und Bräuche des Volkes in Oesterreich (1859), S. 291, § 13. Seite ansehen
Steiermark, 1895
In der Christnacht, zur Mettenzeit, ist dem Vieh die Gabe der Sprache verliehen.
Quelle: Johann Krainz, Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark II, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 1 (1895), S. 244. Seite ansehen
Friedingen (Heuberg), 1852
In der Weihnacht um zwölf Uhr, der Geburtsstunde Christi, liegt alles Vieh auf den Knien und betet.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 462, Nr. 207. Seite ansehen
Kanton Zug, 1897
Am Heiligabend gibt man dem Vieh das beste Heu, denn manche sagen, an diesem Abend vermöge jedes Stück Vieh im Stall ein Wort zu sprechen.
Quelle: A. Ithen, Volkstümliches aus dem Kanton Zug, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 1 (1897), S. 65. Seite ansehen
Bayern, 1898
In der Christnacht redet das Vieh und macht Zukünftiges offenbar; man müsste sich dafür im Stall verbergen, doch weil es als gottlos gilt, der Christmette fernzubleiben, hat es noch niemand erfahren.
Quelle: Helene Raff, Aberglauben in Bayern, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 8 (1898), S. 400. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wer in deinem Umfeld trägt viel, ohne darüber zu sprechen, und wann hörst du ihm einmal richtig zu?