Zwiebelkalender in der Neujahrsnacht
In der Neujahrsnacht schneidet man eine Zwiebel durch und stellt die daraus gebildeten Schüsselchen in eine Reihe: So beschrieb Ernst Meier 1852 den Brauch in Derendingen. Aus dem Salz darin las man, welche Monate trocken oder nass würden.
Was es bedeuten kann
Der Zwiebelkalender ist ein stilles Ritual für die Schwelle zwischen zwei Jahren: Man legt die Schälchen hin, wartet die Nacht ab und schaut am Morgen nach. Er gab den Menschen das Gefühl, die nächsten zwölf Monate schon vorab etwas kennenzulernen, gerade in Dingen, die sie nicht beeinflussen konnten. Wer ihn heute nachmacht, tut es mit einem Lächeln, und gerade so kann der Brauch ein schöner Anlass sein, über die Monate, die vor einem liegen, ins Gespräch zu kommen: Worauf freue ich mich, was möchte ich anders machen? In Derendingen trug man das Ergebnis sogar in den Kalender ein.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
In der Neujahrsnacht
In Derendingen bei Tübingen tat man um 1852 in jedes der zwölf Zwiebelschüsselchen beim Jahreswechsel eine Prise Salz. Schmolz es im ersten gar nicht, sollte der Januar sehr trocken werden, schmolz es ganz, sehr nass. Das Ergebnis trug man in den Kalender ein und richtete sich danach.
Zur Christmette
In Einsiedeln und im Kanton Zug legte man die Zwiebel nicht an Silvester, sondern in der Heiligen Nacht. In Zug nahm man sie um 1897 dort, wo keine Rose von Jericho im Haus war; nach der Mette prüfte man, wie feucht das Salz geworden war.
An den Lostagen
In Baach in Schwaben streute man um 1861 an den Lostagen Salz in zwölf „Zwiebelkächelchen“. Wo sich Salzwasser sammelte, sollte ein nasser Monat folgen.
Allgemein verbreitet
Für das württembergische Oberamt Crailsheim nannte die amtliche Beschreibung 1884 den Gebrauch der zwölf Zwiebelschüsselchen „allgemein verbreitet“.
Warum es in der Natur passiert
Salz zieht Wasser an und entzieht dem angeschnittenen Zwiebelgewebe Feuchtigkeit. Wie viel Flüssigkeit sich in einem Schälchen sammelt, hängt davon ab, wie dick und saftig die jeweilige Zwiebelschicht ist, wie viel Salz darin liegt und wie warm der Raum ist, nicht vom Wetter der kommenden Monate.
Was der Volksglaube sagt
Derendingen (Schwaben), 1852
In der Neujahrsnacht stellt man zwölf aus einer Zwiebel gebildete Schüsselchen in eine Reihe und tut in jedes ein wenig Salz; schmilzt es im ersten gar nicht, wird der Januar sehr trocken, schmilzt es ganz, sehr nass, und so fort für alle zwölf Monate.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 469, Nr. 226. Seite ansehen
Baach (Schwaben), 1861
An den Lostagen wird in zwölf Zwiebelkächelchen Salz gestreut; jedes steht für einen Monat, und wo das Salzwasser auszieht, zeigt es einen nassen Monat an.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 469, Nr. 696/3. Seite ansehen
Einsiedeln, 1862–1871
Die Zwiebel wird in der Heiligen Nacht als Wetterprophetin gebraucht: Zwölf schüsselähnliche Schichten, eine für jeden Monat, erhalten etwas Salz; die, welche Wasser zeigen, deuten auf nasse Monate.
Quelle: J. Ochsner, Volkstümliches aus Einsiedeln und Umgebung, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 302. Seite ansehen
Kanton Zug, 1897
Wo die Jerichorose fehlt, übernehmen Zwiebelschälchen das Orakel: Vor der Christmette um Mitternacht legt man sie in einer Reihe auf den Tisch und streut Salz hinein; nach der Mette schließt man aus der Feuchtigkeit auf die Regenmenge der Monate.
Quelle: A. Ithen, Volkstümliches aus dem Kanton Zug, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 1 (1897), S. 65. Seite ansehen
Oberamt Crailsheim, 1884
Die Witterung der zwölf Nächte ist maßgebend für die kommenden zwölf Monate; der Gebrauch der zwölf Zwiebelschüsselchen ist allgemein verbreitet.
Quelle: Königlich statistisch-topographisches Bureau (Eduard Paulus d. J.), Beschreibung des Oberamts Crailsheim, Kapitel A 3 (1884), S. 110. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Worauf möchtest du in den nächsten Monaten achten, ganz gleich, wie das Wetter wird?