Einen Schimmel sehen
Zählt man hundert Schimmel, drei weiße Tauben und drei Kaminfeger in drei Tagen, findet man bis zum Jahresende etwas: So lautet eine Berner Regel von 1904. Eine andere Berner Fassung ließ statt der Schimmel auch Velocipede gelten.
Was es bedeuten kann
Ein weißes Pferd fällt auf, auf der Weide wie früher auf der Straße. Im Kanton Bern machte man daraus ein Zählspiel, das sich über Tage hinzog: Hundert Schimmel wollten erst einmal gesehen werden. Das Glück stellte sich hier nicht mit einem einzigen Zeichen ein, sondern erst mit Geduld und Aufmerksamkeit. Wer bewusst nach etwas Ausschau hält, entdeckt es plötzlich überall, ob Schimmel, Schornsteinfeger oder Gelegenheiten. Die Berner Sammlung kannte 1903 und 1904 gleich mehrere Fassungen dieses Spiels.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Hundert Schimmel und drei Kaminfeger
Im Kanton Bern sollte man um 1904 innerhalb von drei Tagen hundert Schimmel, drei weiße Tauben und drei Kaminfeger zählen; dann finde man im Laufe eines Jahres etwas. In Grosshöchstetten genügten hundert Schimmel und danach drei Kaminfeger.
Schimmel oder Velos
Eine Berner Fassung von 1903 ließ die Wahl: hundert Schimmel oder hundert Velocipede, dazu acht weiße Tauben und ein Kaminfeger. Das Fahrrad war damals neu genug, um mitgezählt zu werden.
Schimmel heute
Heute sieht man Schimmel vor allem auf Weiden und in Reitställen, kaum noch auf der Straße. Hundert Stück in drei Tagen, wie es die Berner Regel verlangte, kämen heute wohl nur in einer Gegend mit vielen Pferdehöfen zusammen.
Warum es in der Natur passiert
Schimmel kommen dunkel zur Welt, meist braun, fuchsfarben oder schwarz, und werden erst im Lauf der Jahre immer heller. Verantwortlich ist eine dominant vererbte Genvariante, die das Fell nach und nach ergrauen lässt. Die Haut darunter bleibt dunkel; echte weiß geborene Pferde sind etwas anderes.
Was der Volksglaube sagt
Kanton Bern, 1904
Zählt man während drei Tagen 100 Schimmel, 3 weiße Tauben und 3 Kaminfeger, so findet man im Verlauf des Jahres etwas.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 268, Nr. 18. Seite ansehen
Grosshöchstetten (Bern), 1904
Wenn man 100 Schimmel zählt und nachher 3 Kaminfeger, so findet man etwas.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 268, Nr. 19. Seite ansehen
Bern, 1903
Hat man hundert Schimmel oder hundert Velocipede gezählt, acht weiße Tauben und einen Kaminfeger gesehen, so findet man etwas.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 133, Nr. 21. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wonach hältst du gerade bewusst Ausschau, und was entdeckst du dabei nebenbei?