Taube auf dem Balkon
Eine Taube auf dem Balkon ist fast immer eine Stadttaube, die einen Platz wie an einer Felswand sucht und das Geländer als Ersatz nimmt. Alte Wetterregeln aus Sachsen und Mecklenburg lasen aus ihrem Baden und Putzen Regen.
Was es bedeuten kann
Kaum ein Tier lebt so nah bei uns und wird so wenig gemocht wie die Stadttaube. Wenn sie sich auf deinem Geländer niederlässt, hat sie keinen Auftrag; sie prüft nur, ob der Platz taugt. Gerade darin liegt eine stille Frage an dich: Wie viel Nähe lässt du zu, und wo ziehst du freundlich eine Grenze? Die alten Regeln aus dem Erzgebirge und aus Mecklenburg schauten nicht auf die Taube als Botin, sondern auf ihr Gefieder und das Wetter. Was du in ihr siehst, ist deine Sache, und andere Menschen und Gegenden haben sie schon immer anders gesehen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Sie badet in einer Pfütze
In Zschopau im Erzgebirge hieß es um 1860: Baden sich die Tauben, gibt es schlechtes Wetter. Tauben baden tatsächlich gern in flachem Wasser, etwa in Pfützen oder Blumenuntersetzern, um ihr Gefieder sauber zu halten.
Sie zieht Federn durch den Schnabel
In Mecklenburg zählte man es um 1880 zu den Regenzeichen, wenn Tauben, Häher oder Enten ihre Federn immer wieder durch den Schnabel zogen. Gefiederpflege gehört aber zu jedem Vogeltag, bei Sonne ebenso wie vor einem Schauer.
Ein Nest im Blumenkasten
Stadttauben brüten fast das ganze Jahr, in der Regel mit zwei Eiern pro Gelege und mehreren Bruten hintereinander. Ein ruhiger Blumenkasten oder eine Ecke hinter Möbeln reicht ihnen. Die Männchen halten ein einmal besetztes Nestrevier in vielen Fällen ihr Leben lang.
Girren aus dem Wald
Nach einer Mecklenburger Regel verhieß das Girren der Tauben im Wald schönes Wetter. Gemeint sind dort lebende Tauben, nicht die Stadttaube auf dem Balkon, deren Männchen eher tief und kollernd gurrt, wenn es balzt.
Warum es in der Natur passiert
Stadttauben stammen von verwilderten Haustauben ab, deren Vorfahre die Felsentaube ist. Diese brütet an Felsküsten und in Höhlen, und ihre Nachfahren nutzen Mauervorsprünge, Brücken und Balkone wie Felsbänder. Wo Menschen sie füttern, ziehen sie mehr Junge groß; weniger Futter gilt als das wirksamste Mittel gegen zu viele Tauben.
Was der Volksglaube sagt
Zschopau (Erzgebirge), 1862
Wenn sich die Tauben baden, gibt es schlechtes Wetter.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 72, Nr. 823. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Ziehen Tauben, Häher oder Enten ihre Federn häufig durch den Schnabel, gibt es bald Regen.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 207, Nr. 1012. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Zu den Zeichen für gutes Wetter zählt es, wenn die Tauben im Wald girren.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 208, Nr. 1014. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Wenn die Tauben baden und die Störche die Schnäbel unter die Flügel stecken, regnet es bald.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 208, Nr. 1015. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wo ziehst du in deinem Alltag freundliche Grenzen, und wo fällt es dir schwer?