Hase läuft über den Weg
Ein Hase, der über den Weg läuft, galt in Tirol und im Obererzgebirge als Unglück. In der Schweiz sollte es um 1900 helfen, sich dreimal umzudrehen, und in Pommern sah man es schon um 1840 umgekehrt: Dort verhieß der Hase Glück.
Was es bedeuten kann
Ein Hase, der plötzlich vor einem über den Weg schießt, erschreckt beide Seiten. Vielleicht wurde er deshalb zu einem der bekanntesten Wegzeichen im deutschsprachigen Volksglauben. Die Regeln dazu sind erstaunlich praktisch: umdrehen, wegsehen, einen anderen Weg nehmen. Sie gaben Menschen etwas zu tun, wenn sie unsicher waren. Nebenbei verrät so eine Begegnung etwas über dich: ob du auf Unerwartetes mit Schreck, Neugier oder einem Lächeln reagierst. In der Schweiz hieß er um 1900 Pech, in Pommern um 1840 Glück, und beide Seiten waren sich ihrer Sache sicher.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Der Hase kommt von links
In der Schweiz galt es um 1900 als am schlimmsten, wenn der Hase von links kam: Dann sollte man wegsehen und nach rechts weitergehen. Wer sich dreimal umdrehte, konnte das Unglück dort ebenfalls abwenden.
Ein Hase am frühen Morgen
In Reutte in Tirol hieß es: Läuft einem Reisenden morgens ein Hase über den Weg, hat er den ganzen Tag Unglück. In der Morgendämmerung sind Hasen besonders aktiv und queren Feldwege auf dem Weg zu ihren Ruheplätzen.
Glück statt Pech
Ganz anders sah man es um 1840 in Pommern: Läuft ein Hase über den Weg, heißt das Glück, ein Wolf dagegen Unglück. Dieselbe Begegnung, zwei gegensätzliche Lesarten: Vorzeichen hängen stark von der Gegend ab.
Warum es in der Natur passiert
Feldhasen leben auf offenen Feldern und Wiesen und verlassen sich auf ihre Schnelligkeit statt auf einen Bau. Tagsüber drücken sie sich in eine flache Mulde, in der Dämmerung werden sie aktiv. Werden sie aufgeschreckt, rennen sie plötzlich los und wechseln abrupt die Richtung, um Verfolger abzuschütteln.
Was der Volksglaube sagt
Schweiz, um 1900
Ein über den Weg laufender Hase heißt Unglück; dreht man sich dabei dreimal um, schadet es nicht. Am schlimmsten ist es, wenn der Hase von links kommt; dann muss man wegsehen und nach rechts gehen.
Quelle: Adolf Wuttke, bearb. von Elard Hugo Meyer, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Aufl. (1900), S. 200, § 270. Seite ansehen
Reutte (Tirol), um 1870
Wenn einem Reisenden morgens ein Hase über den Weg läuft, so heißt das Unglück für den ganzen Tag.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 92, Nr. 786. Seite ansehen
Pommern, 1840
Wenn ein Hase über den Weg läuft, so heißt das Glück, wenn ein Wolf, Unglück.
Quelle: J. D. H. Temme, Die Volkssagen von Pommern und Rügen (Abergläubische Meinungen und Gebräuche) (1840), S. 346. Seite ansehen
Obererzgebirge, 1862
Wegen seiner koboldhaft wirkenden Gestalt hielt man den Hasen für eine verkappte Hexe; daher hieß ein über den Weg laufender Hase Unglück.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 18, Nr. 199. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wie reagierst du, wenn dir etwas Unerwartetes buchstäblich über den Weg läuft?