Schafe von links
Eine Schafherde unterwegs verhieß nach einem um 1900 verbreiteten Glauben Glück. Meist hieß es, die Herde solle von links kommen; in Lauenburg und Oldenburg hielt man dagegen die rechte Seite für die glückliche.
Was es bedeuten kann
Eine Schafherde auf dem Weg zwingt zum Anhalten: Man wartet, bis die Tiere vorbeigezogen sind, ob man will oder nicht. Im Volksglauben wurde diese Pause zum guten Vorzeichen für das, was man vorhat. Das lässt sich übernehmen: Ein unfreiwilliger Halt kann der Augenblick sein, in dem du dein Ziel noch einmal in Ruhe ansiehst. Bist du mit dem, worauf du gerade zusteuerst, einverstanden? Links oder rechts, Glück oder Willkommen, die Deutungen unterschieden sich von Oldenburg bis Tirol, und jeder darf sich seine eigene aussuchen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Links oder rechts vorbei
Um 1900 achtete man im deutschsprachigen Raum bisweilen darauf, auf welcher Seite die Herde vorbeizog. Überwiegend galt links als glücklich, in Lauenburg und Oldenburg rechts. Über die Seite war man sich also nie ganz einig, über das Glück schon.
Eine Herde beim Aufbruch
Bei Parchim in Mecklenburg galt um 1880: Begegnet man beim Ausfahren einer Schafherde, ist man dort willkommen, wo man hinwill. Bei Goldberg sollte schon der erste Anblick von Haustieren auf einer Reise das Vorhaben gelingen lassen.
Schweine statt Schafe
Wem unterwegs Schweine begegneten, der hatte nach der Regel aus dem Erzgebirge Unglück oder wenigstens Prügel zu erwarten; Schafe verhießen dagegen Glück oder dass man gern gesehen wird. In Mittewald in Tirol sagte man es um 1870 ganz ähnlich.
Schafe am Hang
Im Inntal beobachtete man um 1870 die Schafe im Hochgebirge: Grasen sie bergauf, wird das Wetter schön; ziehen sie talwärts, regnet es bald.
Warum es in der Natur passiert
Schafe sind Fluchttiere mit gutem Gehör und einem sehr weiten Sichtfeld von 270 bis 320 Grad, sodass sie fast rundum sehen, ohne den Kopf zu drehen. Sie leben eng zusammen und geraten unter Stress, wenn sie getrennt werden. Deshalb ziehen Herden dicht gedrängt über Wege, und man braucht etwas Geduld.
Was der Volksglaube sagt
deutschsprachiger Raum, um 1900
Eine begegnende Schafherde verheißt Glück; bisweilen achtet man darauf, ob sie rechts oder links vorbeikommt, überwiegend gilt links als glücklich, in Lauenburg und Oldenburg rechts.
Quelle: Adolf Wuttke, bearb. von Elard Hugo Meyer, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Aufl. (1900), S. 201, § 272. Seite ansehen
bei Parchim (Mecklenburg), um 1880
Begegnet man beim Ausfahren einer Schafherde, ist man dort willkommen, wo man hinwill; begegnet man Schweinen, ist es umgekehrt.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 128, Nr. 522a. Seite ansehen
bei Goldberg (Mecklenburg), um 1880
Trifft man auf der Reise zuerst auf Haustiere, gelingt das Vorhaben sicher.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 128, Nr. 522b. Seite ansehen
Mittewald (Tirol), um 1870
Begegnet man Schafen, ist man den Leuten angenehm; begegnet man Schweinen, ist es nicht gut.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 95, Nr. 819. Seite ansehen
Obererzgebirge, 1862
Begegnende Schweine verheißen Unglück oder wenigstens Prügel, Schafe dagegen Glück oder dass man gern gesehen wird.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 18, Nr. 202. Seite ansehen
Inntal (Tirol), um 1870
Grasen die Schafe im Hochgebirge aufwärts, gibt es schönes Wetter; gehen sie talwärts, regnet es bald.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 113, Nr. 984. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wenn dich unterwegs etwas zum Anhalten zwingt, wie nutzt du diese Pause?