Messer mit der Schneide nach oben
Wenn man ein Messer auf den Rücken legt, schneiden sich die Engel in die Füße: So sagte man um 1861 in Ehingen. Auch in Bayern, Oldenburg und Unterwalden sollte kein Messer mit der Schneide nach oben liegen.
Was es bedeuten kann
Ein Messer, das mit der Schneide nach oben auf dem Tisch liegt, ist zuerst eine kleine Unachtsamkeit. Die alten Erklärungen machten daraus eine Frage der Rücksicht: Unsichtbare Wesen, Engel oder arme Seelen, könnten sich daran verletzen. Kinder lernten so, Messer ordentlich hinzulegen, ohne dass man von Unfällen reden musste. Dahinter steckt ein freundlicher Gedanke, der auch heute trägt: Ordnung im Kleinen schützt oft andere, die man gar nicht sieht. In Unterwalden wendete man ein solches Messer gleich um; in Bayern und Oldenburg sollte es gar nicht erst so liegen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Auf dem Esstisch
In Bayern sollte man um 1898 bei Tisch das Messer nicht mit der Schneide nach oben hinlegen, weil sich ein Englein oder eine arme Seele daran schneiden könnte.
Auf der Arbeitsfläche
In Unterwalden hieß es um 1862, ein Messer, das auf dem Rücken liege und die Schneide aufwärts kehre, tue Gott leid. Geschah es aus Versehen, wendete man das Messer gleich um und fügte noch eine Belehrung hinzu.
Wenn im Haus ein Kind schläft
In Schwaben glaubte man um 1852, solange ein Messer auf dem Rücken liege, könnten die Kinder in der Wiege nicht schlafen.
Streit oder schlechte Nachricht
In Oldenburg las man um 1867 Verschiedenes daraus: In Jever fürchtete man Streit, in Schwei hieß es, man höre bald von einem Todesfall, und anderswo, die Engel, die in der Luft tanzten, schnitten sich in die Füße.
Warum es in der Natur passiert
Ein Messer mit der Schneide nach oben ist schlicht eine Verletzungsgefahr, besonders für Kinder, die nach Dingen auf dem Tisch greifen. Beim Eindecken legt man Messer bis heute mit der Schneide zum Teller hin. Die Regel vom Umdrehen passt gut zu dieser praktischen Vorsicht.
Was der Volksglaube sagt
Ehingen (Schwaben), 1861
Wenn man ein Messer auf den Rücken legt, schneiden sich die Engel in die Füße; weshalb man solche Messer gleich „abbrechen“ soll; dafür bekommt man den Lohn von den Engeln.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 492, Nr. 705/1. Seite ansehen
Schwaben, 1852
Liegt ein Messer auf dem Rücken, die Schärfe nach oben gekehrt, so schneidet sich der Herrgott darin, oder man sagt, es tue den Augen Gottes weh.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 501, Nr. 343. Seite ansehen
Bayern, 1898
Bei Tisch soll man das Messer nicht mit der aufwärts gekehrten Schneide hinlegen, weil sich ein Englein oder eine arme Seele daran schneiden könnte.
Quelle: Helene Raff, Aberglauben in Bayern, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 8 (1898), S. 395. Seite ansehen
Oldenburg, 1867
Ein Messer darf man nicht mit der Schneide aufwärts legen, sonst kommt Streit (Jever), hört man bald von einem Toten (Schwei) oder schneiden sich die Engel, die in der Luft tanzen, in die Füße.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 45–46, § 43. Seite ansehen
Unterwalden, 1862
Ein Messer, das auf dem Rücken liegend die Schneide aufwärts kehrt, tut Gott leid; man wendet es darum gleich um.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Lucern, Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug (1862), S. 556, Nr. 577. Seite ansehen
Schwaben, 1852
Wenn ein Messer auf dem Rücken liegt, können die Kinder in der Wiege nicht schlafen.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 502, Nr. 357. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welche kleine Gewohnheit von dir schützt andere, ohne dass sie es merken?