Teller leer essen, dann scheint die Sonne
Schon 1852 hielt eine schwäbische Sammlung fest: Werden beim Essen alle Schüsseln leer, gibt es am folgenden Tag gutes Wetter. In Oldenburg und Bern kannte man dieselbe Regel, lange bevor sie zum Spruch am Kindertisch wurde.
Was es bedeuten kann
Iss auf, dann gibt es schönes Wetter: Der Satz verbindet etwas, das man selbst tun kann, mit etwas, das niemand in der Hand hat, und das macht ihn so liebenswert. Für Kinder war er eine sanfte Ermunterung, für die Erwachsenen eine Erinnerung daran, dass Essen nicht verschwendet wird. Heute darf man ihn mit einem Lächeln hören: Ein leerer Teller sagt mehr über Hunger und Wertschätzung als über das Wetter. In Schwaben, Oldenburg und Bern ist der Spruch fast wortgleich überliefert.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Alle Schüsseln sind leer
In der schwäbischen Fassung von 1852 ging es nicht um den eigenen Teller, sondern um die Schüsseln auf dem Tisch: Werden sie beim Essen alle leer, gibt es am nächsten Tag gutes Wetter.
Nichts bleibt übrig
Die Oldenburger Fassung von 1867 versprach schönes Wetter für den nächsten Tag, wenn alles Aufgetragene verzehrt wurde. Fast gleich lautete der Berner Spruch von 1903: Bleibt bei Tisch gar nichts in der Schüssel zurück, gibt es gutes Wetter.
Der Spruch am Kindertisch
Heute hören vor allem Kinder den Satz, als freundlichen Anstoß, den Teller leer zu essen. Ein Rest auf dem Teller ist dabei nichts Schlimmes, eher ein Hinweis darauf, dass die Portion zu groß war.
Warum es in der Natur passiert
Eine oft erzählte Erklärung meint, das plattdeutsche „wedder“ habe ursprünglich „wieder“ gemeint: Wer aufisst, bekomme morgen wieder Gutes. Die Sammlungen aus Schwaben (1852), Oldenburg (1867) und Bern (1903) verstehen den Satz aber ausdrücklich als Wetterregel. Mit dem Wetter selbst hat ein leerer Teller natürlich nichts zu tun.
Was der Volksglaube sagt
Schwaben, 1852
Wenn beim Essen alle Schüsseln leer werden, gibt es am folgenden Tag gutes Wetter.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 508, Nr. 399. Seite ansehen
Oldenburg, 1867
Wenn alle aufgetragene Speise verzehrt wird, ist am anderen Tag schönes Wetter.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 34, § 28. Seite ansehen
Bern, 1903
Wenn bei Tisch gar nichts in der Schüssel zurückbleibt, so gibt es gutes Wetter.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 133, Nr. 27. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welchen Spruch aus deiner Kindheit sagst du heute selbst, und was wolltest du damit eigentlich erreichen?