Nachts in den Spiegel schauen
Wer bei Nacht in den Spiegel guckt, sieht den Teufel oder Hexen darin: Das schrieb Ernst Meier 1852 in Schwaben auf. Im Sarganserland warnte man 1908 ebenso, und in Basel-Land drohte man, man werde davon hässlich.
Was es bedeuten kann
Nachts, im Halbdunkel, kann der Blick in den Spiegel tatsächlich unheimlich werden: Die Züge verschwimmen, das Gesicht wirkt fremd. Die alten Warnungen nahmen dieses Gefühl ernst und gaben ihm eine Gestalt. Heute weiß man, dass Augen und Gehirn im schwachen Licht selbst für solche Täuschungen sorgen. Das kann beruhigen und zugleich nachdenklich machen: Wie sehr wir uns auf das verlassen, was wir sehen, und wie schnell es sich verändert, wenn das Licht nachlässt. Schwaben, Sargans und Basel-Land warnten jeweils mit eigenen Bildern.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Im Badezimmer vor dem Schlafengehen
Ein kurzer Blick beim Zähneputzen ist harmlos; unheimlich wirkt der Spiegel meist erst bei gedämpftem Licht. Gerade diese Stimmung meinte wohl die schwäbische Warnung vor Teufel und Hexen im nächtlichen Glas.
Hässlich vom Spiegel
Knapp und mundartlich warnte 1908 ein Spruch aus Basel-Land: Wer nachts in den Spiegel schaut, wird hässlich. Die Drohung war wohl auch eine Mahnung gegen Eitelkeit zu später Stunde.
Etwas schaut heraus
Zindel-Kressig notierte im Sarganserland, nachts solle man nicht in den Spiegel schauen, sonst schaue der Teufel heraus.
Warum es in der Natur passiert
Der Psychologe Giovanni Caputo bat 2010 Versuchspersonen, bei schwachem Licht in einen Spiegel zu schauen. Viele nahmen schon nach weniger als einer Minute verzerrte Züge oder fremd wirkende Gesichter wahr. Fachleute erklären das mit dem Gehirn, das bei wenig Licht und starrem Blick Einzelheiten ausblendet und Lücken selbst ergänzt.
Was der Volksglaube sagt
Schwaben, 1852
Wer bei Nacht in den Spiegel guckt, sieht den Teufel oder auch Hexen darin.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 502, Nr. 350. Seite ansehen
Basel-Land, 1908
„Wenn me z’Nacht in Spiegel luegt, so wird me wüest“: Wer nachts in den Spiegel schaut, wird hässlich.
Quelle: A. Müller (Sammler), Aus dem Volksmund und Volksglauben des Kantons Basel-Land, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 151, Nr. 451. Seite ansehen
Sarganserland, 1908
Nachts soll man nicht in den Spiegel schauen, sonst schaut der Teufel heraus.
Quelle: A. Zindel-Kressig, Sagen und Volksglauben aus dem Sarganserland, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 278. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wie siehst du dich selbst am Abend, wenn der Tag vorbei ist und niemand zuschaut?