Uhr bleibt stehen
Wenn die Uhr plötzlich stehen bleibt, geschieht ein Unglück, häufig ein Todesfall: So glaubte man um 1861 in Kirchheim im Ries. Ähnlich hieß es auf Rügen, in der Mark Brandenburg und in Bern.
Was es bedeuten kann
Eine Wanduhr hörte man früher den ganzen Tag, ohne sie wahrzunehmen. Erst wenn sie aussetzte, fiel die Stille auf, und genau diese Lücke machte Menschen unruhig. Der Gedanke dahinter reicht weiter als der alte Glaube: Vieles, was uns trägt, bemerken wir erst, wenn es fehlt. Eine stehen gebliebene Uhr kann eine Gelegenheit sein, auf die leisen, verlässlichen Dinge im eigenen Alltag zu achten und sie zu schätzen, solange sie da sind. In Kirchheim im Ries, auf Rügen und in Bern sah man darin früher dagegen einen ernsten Vorboten.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Die Uhr bleibt in der Nacht stehen
Auf Rügen hieß es um 1859: Bleibt die Uhr nachts plötzlich stehen, stirbt bald jemand aus dem Hause. Nachts fällt es auf, weil das gewohnte Ticken fehlt.
Die alte Pendeluhr
Eine Pendeluhr muss regelmäßig aufgezogen werden; wird das vergessen, bleibt sie stehen. Auch Staub oder ein Stoß gegen das Gehäuse können das Pendel aus dem Takt bringen. In Kirchheim im Ries deutete man das um 1861 als Vorzeichen eines Unglücks.
Nach einem Todesfall
In der Mark Brandenburg erzählte man um 1891, ein Verstorbener erscheine bei den Verwandten, poche an die Tür, gehe schlurfend auf und ab, und das Uhrwerk verstumme. Hier war die Uhr kein Vorzeichen mehr, sondern Teil einer Geistergeschichte.
Die Uhr ohne Batterie
Bei Quarzuhren steckt in aller Regel eine schwache Batterie dahinter. Die Berner Fassung von 1904 lautete noch knapp: Wenn die Uhr stillsteht, stirbt bald jemand.
Warum es in der Natur passiert
Mechanische Uhren werden von einer Feder oder einem Gewicht angetrieben und müssen regelmäßig aufgezogen werden. Reibung und Staub im Werk bremsen das Pendel, bis die Uhr irgendwann stehen bleibt. Quarzuhren hören auf, wenn die Batterie nachlässt.
Was der Volksglaube sagt
Kirchheim im Ries, 1861
Wenn die Uhr plötzlich stehen bleibt, so geschieht ein Unglück, meistens ein Todesfall.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 474, Nr. 700/6. Seite ansehen
Rügen, 1859
Steht die Uhr plötzlich des Nachts still, zeigt das an, dass bald jemand im Haus stirbt.
Quelle: Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Th. 2 (1859), Th. 2, S. 59, Nr. 172. Seite ansehen
Mark Brandenburg, 1891
Ist jemand gestorben, erscheint sein Geist bei den Verwandten, pocht an die Tür, geht schlurfend auf und ab, und die Uhr bleibt stehen.
Quelle: H. Prahn, Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 1 (1891), S. 185, Nr. 10. Seite ansehen
Bern, 1904
Wenn die Uhr stillsteht, stirbt bald jemand.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 274, Nr. 101. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welche leise, verlässliche Sache in deinem Leben fiele dir erst auf, wenn sie fehlt?