Wem man morgens zuerst begegnet
Begegnete einem morgens zuerst ein Kind, durfte man nach Oldenburger Glauben von 1867 auf einen guten Tag hoffen. Eine alte Frau oder bestimmte Tiere galten in Westfalen, Bern und Braunau dagegen als ungünstiger Anfang.
Was es bedeuten kann
Die erste Begegnung des Tages war früher eine kleine Prüfung, auf die man keinen Einfluss hatte. Umso schöner ist ein Bericht aus Ovelgönne bei Oldenburg: Freundliche Nachbarn schickten ihre Kinder so los, dass sie einem beim ersten Ausgang begegneten, und wussten selbst, dass sie damit weniger Glück stifteten als eine Freude mit auf den Weg gaben. Genau darin liegt der Kern: Was am Morgen zuerst geschieht, färbt die Stimmung, und ein Lächeln am Gartenzaun kann einen Tag tragen. Wie streng man sonst wertete, unterschied sich zwischen Büren, Bern und Braunau.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Ein Kind kommt einem entgegen
Ein Kind am Morgen, Mädchen oder Junge, sollte in Oldenburg um 1867 Glück für den ganzen Tag bringen. In Büren in Westfalen erwartete man dasselbe von einem jungen Mädchen.
Eine ältere Frau als erste Begegnung
In Büren, in Bern und in Schwaben deutete man es im 19. Jahrhundert als ungünstigen Beginn, wenn einem morgens zuerst eine alte Frau begegnete. Jäger kehrten deshalb mitunter um. Das ist eine überlieferte Wertung ihrer Zeit, kein Urteil über ältere Menschen.
Schafe oder Schweine am Weg
In Büren galten um 1859 Schafe, die einem begegneten, als Glückszeichen, sogar als Hinweis auf eine freundliche Aufnahme dort, wohin man wollte; bei Schweinen galt das Gegenteil.
Zu Beginn einer Reise
Im Bezirk Braunau am Inn achtete man um 1897 beim Aufbruch zu einer Reise auf einen Hasen, der den Weg kreuzte, eine alte Frau oder eine schreiende Elster. Dann galt es als ratsam, umzukehren und die Reise noch einmal zu beginnen.
Warum es in der Natur passiert
Menschen neigen dazu, Informationen so auszuwählen und zu deuten, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen; die Psychologie nennt das Bestätigungsfehler. Wer morgens ein schlechtes Omen erwartet, erinnert sich am Abend leichter an die Pannen des Tages als an das, was gut lief.
Was der Volksglaube sagt
Oldenburg und Ovelgönne, 1867
Wem beim Ausgang am Morgen ein Kind begegnet, sei es Mädchen oder Knabe, der hat Glück für den Tag; freundliche Nachbarn sorgen deshalb mitunter dafür, dass einem eines ihrer Kinder begegnet.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 28, § 16. Seite ansehen
Büren (Westfalen), 1859
Wem beim Ausgehen ein altes Weib begegnet, der hat Unglück, wem ein junges Mädchen, der hat Glück; begegnende Schafe bedeuten Glück und freundliche Aufnahme, Schweine das Gegenteil.
Quelle: Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Th. 2 (1859), Th. 2, S. 59, Nr. 175. Seite ansehen
Bern, 1903
Wenn ein Jäger zuerst einer alten Frau begegnet, kehrt er um, weil er an diesem Tag kein Glück hat.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 135, Nr. 45. Seite ansehen
Schwaben, 1861
Begegnet einem Jäger morgens ein schönes Mädchen, hat er eine gute Jagd; eine alte Frau galt als schlechter Beginn.
Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 479, Nr. 702/7. Seite ansehen
Bezirk Braunau am Inn, 1897
Kreuzt beim Antritt einer Reise ein Hase den Weg, begegnet einem eine alte Frau oder fliegt eine Elster schreiend vorbei, so tut man gut, umzukehren und die Reise noch einmal zu beginnen.
Quelle: Hugo von Preen, Bauernaberglauben im Bezirke Braunau am Inn, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 3 (1897), S. 279, Nr. 10. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wem könntest du morgen früh mit einer kleinen Geste den Tag freundlicher machen?