Everyday Omens

Zwei sagen gleichzeitig dasselbe

Wenn zwei Menschen unabsichtlich dasselbe Wort sagen, reichen sie sich die kleinen Finger und wünschen sich schweigend etwas: So hielt man es 1903 in Bern. Anderswo hieß es, die beiden hätten eine arme Seele erlöst.

Was es bedeuten kann

Wenn zwei im selben Moment dasselbe sagen, entsteht ein kurzes Lachen und ein Gefühl von Nähe: Man hat gerade gleich gedacht. Die alten Bräuche machten aus diesem Zufall etwas Gemeinsames: einen stillen Wunsch, ein gutes Werk oder ein Versprechen für das kommende Jahr. Das trifft den Kern recht genau: Solche Momente zeigen, wie verbunden man mit jemandem ist, und es lohnt sich, sie nicht einfach wegzulachen. In Bern, Baisingen und Oldenburg wurde aus dem doppelten Wort jeweils ein eigenes kleines Ritual.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Kleine Finger verhaken

In Bern reichten sich zwei, die unabsichtlich dasselbe Wort gesagt hatten, um 1903 die kleinen Finger und wünschten sich etwas, ohne dabei zu sprechen. Der Wunsch sollte in Erfüllung gehen.

Eine Seele wird erlöst

In Baisingen in Schwaben rief man um 1861: „Schon wieder eine Seele erlöst, die wird springen.“ Die Schweizer Sammlungen aus Basel-Land und aus dem Sarganserland kannten 1908 dieselbe Vorstellung: Sprechen zwei gleichzeitig denselben Gedanken aus, haben sie eine arme Seele erlöst.

Ein Schneider kommt frei

Humorvoller klang es in Bern um 1903: Sagen zwei gleichzeitig dasselbe Wort, haben sie einen Schneider aus der Hölle erlöst. Im Sarganserland sprach man davon, einen Schneider in den Himmel „gelupft“ zu haben.

Noch ein gemeinsames Jahr

In Oldenburg beglückwünschten sich zwei, die gleichzeitig dasselbe sagten, um 1867 mit den Worten: „Wir leben noch ein Jahr zusammen.“

Warum es in der Natur passiert

Dass zwei im selben Augenblick dasselbe Wort sagen, geschieht vor allem dann, wenn sie gerade dasselbe gesehen oder gehört haben und sich gut kennen; dann liegt dieselbe Antwort nahe. Im englischsprachigen Raum ist daraus ein Kinderspiel namens „Jinx“ geworden, mit eigenen Regeln, wer danach zuerst wieder sprechen darf.

Was der Volksglaube sagt

Bern, 1903

Wenn zwei Personen unabsichtlich das gleiche Wort sagen, reichen sie sich die kleinen Finger und wünschen sich schweigend etwas; das wird erfüllt.

Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 133, Nr. 25. Seite ansehen

Bern, 1903

Sagen zwei unabsichtlich miteinander das gleiche Wort, so haben sie einen Schneider aus der Hölle erlöst.

Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 136, Nr. 58. Seite ansehen

Baisingen (Schwaben), 1861

Haben zwei Personen zugleich denselben Gedanken, heißt es: „Schon wieder eine Seele erlöst, die wird springen.“

Quelle: Anton Birlinger und Michel Richard Buck, Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 1 (1861), S. 496, Nr. 707/10. Seite ansehen

Basel-Land, 1908

Wenn zwei miteinander den gleichen Gedanken aussprechen, so hat man eine arme Seele erlöst.

Quelle: A. Müller (Sammler), Aus dem Volksmund und Volksglauben des Kantons Basel-Land, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 149, Nr. 419. Seite ansehen

Oldenburg, 1867

Wenn zwei Personen zu gleicher Zeit dasselbe sagen, beglückwünschen sie sich: „Wir leben noch ein Jahr zusammen.“

Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 29, § 17. Seite ansehen

Sarganserland, 1908

Sprechen zwei den gleichen Gedanken mit den gleichen Worten gleichzeitig aus, sagt man, sie haben eine arme Seele erlöst oder einen Schneider in den Himmel „gelupft“.

Quelle: A. Zindel-Kressig, Sagen und Volksglauben aus dem Sarganserland, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 279. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Mit wem hast du zuletzt im selben Moment dasselbe gedacht, und was sagt das über euch?