Wimper wegpusten
Nimmt man jemandem eine hängende Wimper ab und bläst sie fort, bietet sich die Gelegenheit, sich etwas Gutes zu wünschen: So notierte es Ernst John 1909 für Dittersdorf im Erzgebirge. Der kleine Brauch ist bis heute bekannt.
Was es bedeuten kann
Eine einzelne Wimper auf der Wange ist kaum zu sehen, und fast immer bemerkt sie zuerst ein anderer Mensch. Genau daraus machte der alte Brauch eine kleine Geste der Nähe: Man nimmt sie behutsam ab, bläst sie fort und darf sich etwas wünschen. Darin steckt mehr Zuwendung als Zauber. Wenn dir jemand eine Wimper von der Wange nimmt, kannst du dich fragen, wem du selbst so aufmerksam begegnest. Die Quelle von 1909 nennt nur ein Dorf, und welche Bedeutung man dem Brauch heute gibt, ist jedem selbst überlassen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Die Wimper liegt auf der Wange
In Dittersdorf nahm man einem anderen die hängende Wimper weg und blies sie fort; das war eine Gelegenheit, sich etwas Gutes zu wünschen. Dass ein anderer sie entdeckt, gehört dazu: Allein bemerkt man eine Wimper auf der eigenen Wange selten.
Ein Wunsch bei der ersten Frucht
In derselben Passage nennt John einen zweiten Anlass aus Annaberg: Beim Essen der ersten Frucht soll man sich etwas Gutes wünschen. Beide Bräuche machen einen unscheinbaren Augenblick zum Wunschmoment.
Wer darf sich etwas wünschen?
Nach der alten Fassung wünscht sich derjenige etwas, der die Wimper wegnimmt und fortbläst. Wer mag, dreht das heute um und lässt die andere Person pusten. So wird aus dem kleinen Brauch ein Geschenk.
Warum es in der Natur passiert
Wimpern werden wie Kopfhaare laufend erneuert: Jede wächst eine Zeit lang, ruht und fällt dann aus, während darunter schon eine neue nachwächst. Deshalb findet man immer wieder einzelne Wimpern auf Wange, Kissen oder Brillenglas.
Was der Volksglaube sagt
Dittersdorf (Erzgebirge), 1909
Eine Gelegenheit, sich etwas Gutes zu wünschen, bietet sich, wenn man einem anderen eine hängende Augenwimper wegnimmt und sie fortbläst.
Quelle: Ernst John, Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge (1909), S. 38. Seite ansehen
Annaberg (Erzgebirge), 1909
Beim Essen der ersten Frucht soll man sich etwas Gutes wünschen.
Quelle: Ernst John, Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge (1909), S. 38. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wem in deiner Nähe würdest du gern einen kleinen Wunsch gönnen?