Die Glocken fliegen nach Rom
Am Gründonnerstag fliegen die Kirchenglocken nach Rom, am Ostersamstag kehren sie zurück: So erzählte man 1897 in der Steiermark. Bis dahin übernahmen im Semmeringgebiet die „Ratschnbuam“ mit ihren hölzernen Ratschen den Dienst der Glocken.
Was es bedeuten kann
Drei Tage ohne Glockenklang fallen in einem Dorf sofort auf: Die Stunden schlagen nicht, das Mittagsläuten fehlt. Die Erzählung vom Flug nach Rom machte diese Stille für Kinder verständlich und gab ihr ein Ziel: Die Glocken kommen wieder, pünktlich zum Fest. Im Kirchenjahr gehört das Schweigen der Glocken zur Karwoche. Auch wer nicht religiös ist, kann etwas mitnehmen: Wie anders klingt das Vertraute, wenn es eine Weile fehlt. In der Steiermark, am Semmering und in Sargans füllte man die Lücke mit Ratschen und Sprüchen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Plötzlich ist es still
Franz Ilwof hielt 1897 für die Steiermark fest, die Kirchenglocken flögen am Gründonnerstag nach Rom und kehrten am Ostersamstag zurück. Am Abend des Ostersamstags brannten dann auf vielen Berggipfeln Freudenfeuer.
Ratschen statt Glocken
Im Semmeringgebiet zogen um 1896 die „Ratschnbuam“ mit klappernden Ratschen zur Gebetszeit und vor dem Gottesdienst durch die Dorfgassen und riefen die Stunde aus, etwa „Mir ratschn, mir ratschn: zwölfi“.
Die Ratsche im Glockenstuhl
In Sargans wurde um 1906 das Glockengeläute vom Vorabend des Gründonnerstags bis zur Auferstehungsmesse am Karsamstag eingestellt. Die Gläubigen rief eine große „Rätsche“ im Glockenstuhl zum Gebet.
Warum es in der Natur passiert
In der katholischen Liturgie schweigen die Glocken vom Gloria der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag bis zum Gloria der Osternacht. Ihre Aufgabe übernehmen hölzerne Ratschen, die vielerorts Kinder und Jugendliche durch die Straßen tragen. In Österreich wurde das Ratschen 2015 in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Was der Volksglaube sagt
Steiermark, 1897
Am Gründonnerstag fliegen die Kirchenglocken nach Rom, am Ostersamstag kehren sie wieder zurück.
Quelle: Franz Ilwof, Zur Volkskunde der Steiermark, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 3 (1897), S. 8. Seite ansehen
Semmeringgebiet, 1896
Am Gründonnerstag sind die Glocken nach Rom geflogen, und ihren Dienst übernehmen die „Ratschnbuam“, die mit ihren Ratschen zur Gebetszeit durch die Dorfgassen ziehen.
Quelle: Heinrich Moses, Das festliche Jahr im Semmeringgebiete, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 2 (1896), S. 193. Seite ansehen
Sargans, 1906
Vom Vorabend des Gründonnerstags bis zur Auferstehungsmesse am Karsamstag wird das Glockengeläute eingestellt; dafür ruft die „Rätsche“ im Glockenstuhl die Gläubigen zum Beten.
Quelle: A. Zindel-Kressig, Volkstümliches aus Sargans, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 10 (1906), S. 225. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welches vertraute Geräusch würdest du am meisten vermissen, wenn es ein paar Tage schwiege?