Brautkleid selbst nähen
Wenn eine Braut ihr Hochzeitskleid selbst macht, hat sie kein Glück damit: So ähnlich notierte es 1903 eine Berner Sammlung. In Mecklenburg rechnete man es um 1880 zum Glück einer Ehe, dass die Braut ihr Kleid nicht selbst anfertigte.
Was es bedeuten kann
Ein selbst genähtes Brautkleid steckt voller Arbeit, Stolz und Sorgfalt. Die alten Regeln rieten trotzdem davon ab und legten die Arbeit in andere Hände, in der damaligen Neumark um 1891 sogar in die von sieben jungen Mädchen. Man kann darin einen schönen Gedanken lesen: Eine Hochzeit ist kein Werk, das jemand allein vollbringt, und das Kleid wurde zu etwas, an dem eine Gemeinschaft mitarbeitete. Wer heute selbst näht, darf das mit Freude tun und sich trotzdem fragen, wo Hilfe guttun würde. Auch in Bern und in Mecklenburg war es kein gutes Zeichen, wenn die Braut selbst zur Nadel griff.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Die Braut näht selbst
In Bern galt 1903 knapp: Ein selbst gemachtes Hochzeitskleid führt die Braut ins Unglück. Um 1880 wendete man den Satz in Proseken in Mecklenburg ins Positive: Zu einer glücklichen Ehe gehöre, dass die Braut ihr Brautkleid nicht selbst anfertige.
Sieben Mädchen an einem Kleid
In Landsberg und Dölzig in der damaligen Neumark sollte die Braut um 1891 nicht selbst an ihrem Kleid nähen, sondern es von sieben Mädchen aus dem Ort anfertigen lassen. Anziehen durfte sie es vor der Hochzeit auch nicht, sonst gehe die Verlobung zurück.
Das Hemd für den Bräutigam
Die Regel galt in Mecklenburg auch umgekehrt: Das Hemd, das ein Bräutigam bei der Trauung trug, durfte um 1880 in Neukloster nicht von seiner Braut gemacht sein, sonst entstehe Streit in der Ehe.
Ein neues Kleid für den Tag
Eine weitere Berner Regel von 1904 verlangte ausdrücklich ein neues Kleid: Ohne neues Kleid zur Hochzeit werde die Braut unglücklich. Wer selbst nähte, musste also zumindest neu nähen.
Warum es in der Natur passiert
Bis ins frühe 20. Jahrhundert heirateten viele Frauen im besten Sonntagskleid oder in ihrer Tracht, häufig in Schwarz. Das weiße Brautkleid setzte sich in breiten Schichten erst ab den 1920er-Jahren durch. Wer sich ein eigenes Kleid leisten konnte, ließ es meist eigens neu anfertigen.
Was der Volksglaube sagt
Bern, 1903
Wenn eine Braut ihr Hochzeitskleid selber macht, bringt es ihr Unglück.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 132, Nr. 12. Seite ansehen
Proseken (Mecklenburg), um 1880
Zu einer glücklichen Ehe gehört, dass eine Braut nicht selbst ihr Brautkleid fertigt.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 59, Nr. 195. Seite ansehen
damalige Neumark, 1891
Das Mädchen soll das Brautkleid nicht vor der Hochzeit anziehen und nicht selbst daran nähen, sondern es von sieben jungen Mädchen anfertigen lassen.
Quelle: H. Prahn, Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 1 (1891), S. 182. Seite ansehen
Neukloster (Mecklenburg), um 1880
Das Hemd, das ein Bräutigam bei der Trauung trägt, darf nicht von seiner Braut gemacht sein, sonst entsteht Hader in der Ehe.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 59, Nr. 196. Seite ansehen
Kanton Bern, 1904
Wenn die Braut zur Hochzeit nicht ein neues Kleid anzieht, so wird sie unglücklich.
Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 8 (1904), S. 268, Nr. 12. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Bei welchem großen Vorhaben würdest du gern mehr Hände mitarbeiten lassen?