Rotkehlchen sehen
Rotkehlchen standen im Kanton Luzern unter besonderem Schutz: Wer eines tötete oder ihm die Jungen aus dem Nest nahm, dessen Kühe sollten rote Milch geben. Ähnliches erzählte man im Zürcher Oberland.
Was es bedeuten kann
Bemerkenswert an den alten Regeln ist, dass sie nicht vom Glück durch das Rotkehlchen sprechen, sondern vom Schaden, der dem droht, der ihm etwas antut. Der Volksglaube stellte den kleinen Vogel unter Schutz, lange bevor es Naturschutzgesetze gab. Ein Rotkehlchen im Garten erinnert an diese stille Form der Rücksicht, die nichts zurückverlangt. Ob Luzern oder Zürcher Oberland, die ausgemalte Strafe glich sich erstaunlich: rote Milch im Stall.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Ein Rotkehlchen beim Umgraben
Rotkehlchen folgen gern Menschen, die im Garten graben, und picken die freigelegten Würmer auf. Diese Nähe hat den Vogel beliebt gemacht. Wer ihm zusieht, merkt, wie zutraulich ein Wildtier werden kann, wenn es nichts zu fürchten hat.
Ein Nest unter dem Dach
Im Zürcher Oberland hieß es, wer „Rothhäuserli“, also Rotkehlchen, die unter dem Dach nisten, ausnimmt und der Katze gibt, dessen Kühe geben rote Milch. Die Strafe traf ausgerechnet das Vieh, von dem die Familie lebte.
Ein Rotkehlchen singt im Winter
Anders als viele Singvögel singt das Rotkehlchen auch im Herbst und Winter, und zwar Männchen wie Weibchen, um ein Revier zu behaupten. Wer im November eine Melodie im Garten hört, hört oft ein Rotkehlchen.
Warum es in der Natur passiert
Das Rotkehlchen lebt in Gärten, Parks und Wäldern mit dichtem Unterholz. Es frisst Insekten, Spinnen und Würmer, im Winter auch Beeren. Manche Rotkehlchen bleiben das ganze Jahr, andere ziehen in den Süden; im Winter verteidigen auch Weibchen ein eigenes Revier.
Was der Volksglaube sagt
Kanton Luzern, 1898
Rotkehlchen stehen unter besonderem Schutz; wer solche tötet oder ihre Jungen aus dem Nest nimmt, wird damit bestraft, dass seine Kühe rote Milch geben.
Quelle: J. Bürli, Volkstümliches aus dem Kanton Luzern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 282. Seite ansehen
Zürcher Oberland, 1857–1859
Wer Rotkehlchen, die unter dem Dach nisten, ausnimmt und der Katze gibt, dessen Kühe geben rote Milch.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 223, Nr. 95. Seite ansehen
Schwäbisch Gmünd, 1867
Störche, Schwalben und Rotkehlchen sah man hier gern, und ihnen widerfuhr kein Leid.
Quelle: Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd (Sitten, Gebräuche, Aberglauben, Sagen) (1867), S. 437,_Gebr%C3%A4uche,_Aberglauben,_Sagen_(Gm%C3%BCnd). Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wen oder was schützt du, ohne dafür etwas zu erwarten?