Schwalben fliegen tief
Tief fliegende Schwalben kündigen Regen an, hoch fliegende schönes Wetter: Diese Regel kannte man um 1860 im Obererzgebirge ebenso wie um 1870 in Tirol. Dahinter steckt keine Vorahnung, sondern die Flughöhe der Insekten, die sie jagen.
Was es bedeuten kann
Diese Wetterregel ist eine der wenigen, bei denen sich der Zusammenhang in der Natur gut beobachten lässt: Die Schwalben folgen ihrem Futter, und das Futter folgt der Luft. Wer den Tiefflug bemerkt, liest also eine ganze Kette von Ursachen. Darin steckt eine brauchbare Haltung für den Alltag: nicht beim ersten Anzeichen stehen zu bleiben, sondern zu fragen, was dahinter wirkt. Wie genau man den Schwalbenflug las, war je nach Landstrich verschieden, und was er dir heute sagt, bleibt deine eigene Sache.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Dicht über dem Wasser
Im Erzgebirge achtete man besonders darauf, ob die Schwalben niedrig über die Erde oder über das Wasser streichen: Dann sollte schlechtes Wetter kommen. Über Teichen und Flüssen schwärmen Mücken oft knapp über der Oberfläche, und die Vögel holen sie dort ab.
Am frühen Morgen
Ein Mecklenburger Gewährsmann hielt um 1880 fest: Fliegt die Schwalbe morgens hoch, folgt ein heller, trockener Tag, und umgekehrt. Allerdings gibt es früh am Morgen auch bei schönem Wetter kaum aufsteigende Warmluft, sodass die Insekten dann ohnehin tiefer fliegen.
Hoch am Abendhimmel
Kreisen Schwalben an einem warmen Abend weit oben, tragen aufsteigende Luftströme die Insekten in die Höhe. In Tirol galt hoher Schwalbenflug als Hinweis auf gutes Wetter.
Ein Regenbote unter mehreren
In Flaas in Südtirol zählte man um 1870 den niedrigen Flug der „Speiren“, mundartlich für Segler, zusammen mit glühendem Ruß an der Pfanne und dem wilden Treiben der Fliegen zu den Vorboten von Regen. Wetterregeln standen selten allein; man las mehrere Anzeichen zusammen.
Warum es in der Natur passiert
Bei schönem, warmem Wetter tragen aufsteigende Luftströme viele Insekten in größere Höhen, und die Schwalben jagen dort oben. Zieht ein Regengebiet heran, lässt die aufsteigende Warmluft nach; die Insekten bleiben näher am Boden, und ihre Jäger folgen ihnen. Eine sichere Vorhersage ist der Tiefflug deshalb nicht, eher ein Hinweis.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Fliegt die Schwalbe hoch, gibt es gutes Wetter; fliegt sie niedrig über die Erde oder das Wasser hin, gibt es schlechtes Wetter.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 72, Nr. 824. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Fliegen die Schwalben hoch, heißt das gutes Wetter; fliegen sie nahe am Boden, kommt Regen.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 89, Nr. 757. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Fliegt die Schwalbe morgens hoch, gibt es einen hellen, trockenen Tag, und umgekehrt.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 207, Nr. 1012. Seite ansehen
Flaas (Südtirol), um 1870
Der niedrige Flug der „Speiren“, das wilde Treiben der Fliegen und glühender Ruß an der Pfanne gelten als Vorboten von Regenwetter.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 114, Nr. 996. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Bei welcher Sache in deinem Leben lohnt es sich, nach der Ursache hinter dem ersten Anzeichen zu fragen?