Den ersten Kuckuck hören
Beim ersten Kuckucksruf des Jahres soll man den Vogel fragen, wie lange man noch lebt: So viele Rufe, so viele Jahre, lautete um 1860 eine Erzgebirgsregel. Weitere Bräuche knüpften an den ersten Ruf Heiratsjahre oder Geschäfte.
Was es bedeuten kann
Der erste Kuckucksruf des Jahres kommt unangekündigt irgendwo aus dem Wald, und man bleibt fast unwillkürlich stehen, um mitzuzählen. Genau dieses Zählen machte ihn im Volksglauben zum Orakel: Lebensjahre, Jahre bis zur Hochzeit, Erfolg im Handel. Heute kann der Ruf ein Anlass sein, kurz innezuhalten und dir zu überlegen, womit du die kommenden Monate füllen möchtest. Wie viel man in einen Vogelruf hineinlegte, hing vom Dorf ab, und eine Zahl, die einem nicht gefällt, muss man ihm nicht glauben.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Die Rufe zählen
Im Obererzgebirge fragte man allgemein: „Kukuk, schrei mir meine Jahre aus, wie lange ich noch leben soll.“ So oft er rief, so viele Jahre blieben einem. In Chemnitz kannte man um 1700 dieselbe Frage, gerichtet an den „Kukuk Beckerknecht“.
Wie lange noch ledig?
In Schwarzbach im Erzgebirge fragten junge Burschen und Mädchen den Kuckuck, wie viele Jahre sie noch ledig bleiben. Er sollte die Antwort mit der Zahl seiner Rufe geben, und wer Glück hatte, hörte nur einen.
Gold in der Tasche, Speise im Magen
Am Horgerberg bei Zürich kam es beim ersten Ruf auf zweierlei an: Gold in der Tasche und einen vollen Magen. Wer beides hatte, sollte im laufenden Jahr gute Geschäfte machen. Satt und nicht ganz mittellos ins Frühjahr zu gehen, ist tatsächlich kein schlechter Anfang.
Ein Kuckuck am Fenster
In Horgen rechnete man den „Gugger“, wie man in der Schweiz den Kuckuck nennt, unter die Todesboten, wenn er vors Fenster kam. Weil Kuckucke scheu sind und man sie selten sieht, wirkte einer direkt am Haus unheimlich.
Warum es in der Natur passiert
Der Kuckuck trifft im April aus seinem afrikanischen Winterquartier ein und ruft bis in den Juli hinein. Das bekannte „Kuckuck“ ist der Ruf der Männchen; die Weibchen haben einen ganz anderen, kichernden Ruf. Kuckucke brüten nicht selbst, sondern überlassen das Aufziehen ihrer Jungen anderen Singvögeln.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Beim ersten Kukuksruf im Frühling fragt man den Vogel, wie lange man noch leben soll; so oft sein Ruf ertönt, so viele Jahre lebt man noch.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 210. Seite ansehen
Chemnitz, um 1700
Wer im Frühling den Kuckuck zum ersten Mal hört, soll ihn fragen: Kukuk Beckerknecht, sag mir recht, wie viel Jahr ich leben soll?
Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXXV, Nr. 197. Seite ansehen
Schwarzbach (Erzgebirge), 1862
Den Burschen und Mädchen gibt der Kuckuck auf ihre Frage an, wie viele Jahre sie noch ledig bleiben.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 212. Seite ansehen
Horgerberg (Zürich), 1898
Wer beim ersten Kuckucksruf des Jahres Gold bei sich und genug Speise im Magen hat, dem gelingen die Geschäfte des laufenden Jahres.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 220, Nr. 62. Seite ansehen
Horgen (Zürich), 1857–1859
Unter den Todesvorzeichen: wenn ein „Gugger“, ein Kuckuck, vors Fenster kommt.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 217, Nr. 13. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Womit möchtest du die kommenden Monate füllen?