Krähende Henne
Krähte eine Henne wie ein Hahn, erwartete man nach altem Glauben um 1860 in Marienberg Unglück und um 1870 in Tirol schlechtes Wetter oder einen Todesfall. Für Schwaben verzeichnete man um 1900 nur einen bevorstehenden Wetterwechsel.
Was es bedeuten kann
Eine Henne, die kräht, tut etwas, das nicht in die gewohnte Ordnung des Hühnerhofs passt, und gerade deshalb wirkte sie verdächtig. In den alten Regeln wurde das Ungewohnte fast immer zur Warnung. Heute kann man es anders sehen: Wenn jemand aus seiner Rolle fällt, steckt oft ein Grund dahinter, den man erst verstehen muss. Von Wetterwechsel bis Todesfall gingen die Deutungen zwischen dem Erzgebirge, Tirol und dem damaligen Böhmen weit auseinander, und was du darin siehst, bleibt dir überlassen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Weiß, rot oder schwarz
Im damaligen Böhmen achtete man um 1900 auf die Farbe: Kräht eine weiße Henne, stirbt jemand im Ort; kräht eine rote, gibt es einen Brand; kräht eine schwarze, wird gestohlen. Mit dem Krähen selbst hat die Färbung nichts zu tun.
Ein Wetterwechsel
Nüchterner sah man es in Palu im Trentino und um 1900 in Schwaben: Kräht eine Henne wie ein Hahn, ändert sich das Wetter. Auch in Tirol nannte man schlechtes Wetter als mögliche Folge, gleich neben einem Todesfall.
Unheil ins Haus
Um 1700 hielt die Chemnitzer Rockenphilosophie fest: Eine Henne, die wie ein Hahn kräht, verheißt Unheil. Um 1900 war im deutschsprachigen Raum allgemein von Feuer oder Unglück die Rede, das ins Haus komme.
Mit Kamm und Sporen
Manche Hennen, die krähen, bekommen auch einen größeren Kamm, längere Kehllappen und Sporen und hören auf, Eier zu legen. Fachleute für Geflügel beschreiben das als seltenen Vorgang, hinter dem eine Umstellung der Hormone steckt.
Warum es in der Natur passiert
Bei Hühnern arbeitet normalerweise nur der linke Eierstock; der rechte bleibt klein und ruht. Fällt der linke aus oder bildet er zu wenig weibliche Hormone, steigen die männlichen, und die Henne kann Kamm, Gefieder und Verhalten eines Hahns annehmen, bis hin zum Krähen. Das kommt nur selten vor.
Was der Volksglaube sagt
Geiersdorf und Marienberg, 1862
Kräht eine Henne, steht Unglück bevor.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 207. Seite ansehen
Tirol, um 1870
Kräht eine Henne, kommt schlechtes Wetter oder ein baldiger Todesfall.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 46, Nr. 402. Seite ansehen
Palu (Trentino), um 1870
Kräht eine Henne wie ein Hahn, verändert sich das Wetter.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 82, Nr. 689. Seite ansehen
Schwaben, um 1900
Kräht die Henne, gibt es anderes Wetter.
Quelle: Adolf Wuttke, bearb. von Elard Hugo Meyer, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Aufl. (1900), S. 202, § 276. Seite ansehen
deutschsprachiger Raum, um 1900
Kräht die Henne, bricht Feuer aus oder kommt Unglück ins Haus.
Quelle: Adolf Wuttke, bearb. von Elard Hugo Meyer, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Aufl. (1900), S. 202, § 276. Seite ansehen
damaliges Böhmen, um 1900
Kräht eine weiße Henne, stirbt jemand im Ort; kräht eine rote, brennt es; kräht eine schwarze, wird gestohlen.
Quelle: Adolf Wuttke, bearb. von Elard Hugo Meyer, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Aufl. (1900), S. 202, § 276. Seite ansehen
Chemnitz, um 1700
Eine Henne, die wie ein Hahn kräht, verheißt Unheil.
Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXX, Nr. 83. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wie reagierst du, wenn jemand sich plötzlich anders verhält, als du es gewohnt bist?