Einen Storch sehen
Wer im Frühjahr den ersten Storch fliegen sah, sollte in Mecklenburg ein fleißiges Jahr vor sich haben, wer ihn stehen sah, ein träges. Auch sein Gefieder und sein Klappern las man als Vorzeichen.
Was es bedeuten kann
Der erste Storch des Jahres war früher ein fester Termin im Kalender der Dörfer. Man achtete genau darauf, wie man ihn zum ersten Mal sah, und las daraus etwas für das eigene Jahr: Fleiß oder Trägheit, Fernweh oder Daheimbleiben. Entdeckst du heute den ersten Storch, kannst du das als Frage an dich verstehen: In welchem Tempo möchtest du in die warme Jahreszeit gehen? In Bewegung oder in Ruhe, beides hat seinen Wert, und die Mecklenburger Deutung ist nur eine Möglichkeit, das eigene Tempo zu lesen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Der erste Storch fliegt
Wer den ersten Storch im Frühjahr fliegen sah, sollte nach einer allgemeinen Mecklenburger Regel im Laufe des Jahres fleißig sein. In der Elbgegend hieß es dagegen: Wer ihn fliegen sieht, muss fort von zu Hause. Bewegung am Himmel wurde zu Bewegung im eigenen Leben.
Der erste Storch steht oder sitzt
Sah man ihn stehen, las man daraus Trägheit. Wer ihn zuerst sitzen oder stehen sah, sollte nach der Fassung aus der Elbgegend im Ort bleiben. Ein Storch, der auf der Wiese steht, sucht übrigens nach Nahrung: Frösche, Mäuse und Regenwürmer.
Der Storch klappert
Hörte man ihn zum ersten Mal klappern, drohte in Mecklenburg viel zerbrochenes Geschirr. Das Klappern ist die Begrüßung der Partner am Nest: Erwachsene Störche haben kaum eine Stimme und verständigen sich mit dem Schnabel.
Ein Nest auf dem Dach
Schon um 1700 versprach man in Chemnitz dem, auf dessen Dach oder Schornstein der Storch baut, ein langes Leben und Reichtum. In Schwäbisch Gmünd ließ man den Störchen 1820 eigens ein Nest auf der Pfarrkirche anlegen, und sie kamen tatsächlich wieder.
Warum es in der Natur passiert
Weißstörche treffen ab Februar und März wieder in Mitteleuropa ein; manche überwintern in Afrika, andere schon in Spanien. Viele Paare nutzen jahrelang dasselbe Nest auf Dächern, Schornsteinen oder Masten. Nach starken Rückgängen haben sich die Bestände in Teilen Mitteleuropas wieder erholt.
Was der Volksglaube sagt
Mecklenburg, um 1880
Sieht man im Frühjahr den ersten Storch gehen oder fliegen, wird man im Laufe des Jahres fleißig sein; sitzt oder steht er, heißt das Trägheit; hört man ihn klappern, zerbricht man viel Geschirr.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 169, Nr. 801. Seite ansehen
Elbgegend (Mecklenburg), um 1880
Wer den ersten Storch stehen oder sitzen sieht, bleibt das Jahr über am Ort; wer ihn fliegen sieht, muss fort von zu Hause.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 169, Nr. 803. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Sind die Federn des Storchs bei seiner Ankunft schön weiß, gibt es ein trockenes Jahr, sind sie grau oder schmutzig weiß, ein nasses.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 169, Nr. 805a. Seite ansehen
Chemnitz, um 1700
Wem der Storch auf Dach oder Schornstein baut, der wird lange leben und reich sein.
Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXXI, Nr. 108. Seite ansehen
Schwäbisch Gmünd, 1867
Die Störche nisteten früher auf der Barfüßerkirche und dem alten Rathaus; 1820 ließ man ihnen ein Nest auf der Pfarrkirche machen, und sie erschienen wieder.
Quelle: Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd (Sitten, Gebräuche, Aberglauben, Sagen) (1867), S. 437,_Gebr%C3%A4uche,_Aberglauben,_Sagen_(Gm%C3%BCnd). Seite ansehen
Zum Nachdenken
In welchem Tempo möchtest du in die nächste Jahreszeit gehen?