Abendrot, Gutwetterbot
„Abendroth ist ä guter Wetterbot“, sagte man um 1860 im Erzgebirge, und das Morgenrot verhieß Wind oder Schmutz. Ähnliche Reime kannte man in Tirol und Mecklenburg, und sie haben einen wahren Kern.
Was es bedeuten kann
Ein roter Abendhimmel lässt viele innehalten, und die alte Regel gibt diesem Anblick eine freundliche Fortsetzung: Morgen wird es schön. Darin steckt eine kleine Kunst, die man heute fast verlernt hat, nämlich den Himmel zu lesen, bevor man in eine Wetter-App schaut. Wenn du das nächste Mal ein Abendrot siehst, kannst du den Abschluss des Tages bewusst erleben, bevor der nächste beginnt. Wie zuverlässig die Reime sind, merkt man am besten, wenn man selbst ein paar Abende lang mitzählt.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Abendrot
Im Obererzgebirge sagte man allgemein: Abendrot bringt schönes Wetter mit, oder: „Abendroth ist ä guter Wetterbot.“ In Dux, dem heutigen Tux im Zillertal, hieß es: Ist heut Abendrot, scheint morgen die Sonne.
Morgenrot
Das Morgenrot hatte einen schlechten Ruf: Es verheiße Wind oder Kot, reimte man im Erzgebirge, und im Unterinntal sagte man „Morgenroth, patsch in’s Koth“. Gemeint war aufgeweichter Boden nach Regen.
Rot am Neujahrsmorgen
Bei Horgen am Zürichsee galt ein rotes Morgenlicht am Neujahrstag als Vorzeichen für viele Feuersbrünste im Lauf des Jahres. Hier wurde aus der Wetterregel eine Sorge um Haus und Hof.
Warum es in der Natur passiert
Rotes Licht entsteht bei tiefem Sonnenstand, wenn das Sonnenlicht einen langen Weg durch die Luft nimmt; dabei wird der blaue Anteil stärker gestreut, Rot und Orange bleiben übrig. In Mitteleuropa zieht das Wetter meist von Westen heran. Ein roter Abendhimmel setzt einen klaren Westhimmel voraus, ein rotes Morgenlicht dagegen beleuchtet oft Wolken, die von Westen aufziehen.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Morgenrot verheißt Wind oder Kot; Abendrot dagegen schönes Wetter, oder: „Abendroth ist ä guter Wetterbot.“
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 71, Nr. 799. Seite ansehen
Unterinntal (Tirol), um 1870
Morgenroth, patsch in’s Koth; Abendroth, Sonn’ an d’ Schrot.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 114, Nr. 998. Seite ansehen
Dux (Tux, Tirol), um 1870
Ist heut Abendroth, scheint morgen die Sonn’ um die Schrot.
Quelle: Ignaz Vinzenz Zingerle, Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes, 2. Aufl. (1871), S. 114, Nr. 999. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Gut Wetter kündet Abendrot, Morgenrot verheißt Wind und Kot.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 211, Nr. 1064. Seite ansehen
Horgen (Zürich), 1857–1859
Wenn es am Neujahrstag Morgenröte gibt, so gibt es im Lauf des Jahres viele Feuersbrünste.
Quelle: Paul Hirzel (Sammler), Aberglauben im Kanton Zürich, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 2 (1898), S. 221, Nr. 71. Seite ansehen
Zum Nachdenken
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