Osterwasser schöpfen
Osterwasser schöpfte man früh am Ostermorgen aus fließendem Wasser, ohne unterwegs ein Wort zu sprechen: So war es um 1860 im Erzgebirge allgemein Brauch. In Mecklenburg nannte man es „Fleitenwater“.
Was es bedeuten kann
Der Brauch verlangt etwas, das heute selten geworden ist: früh aufstehen, schweigen und einen Weg ganz bewusst gehen. Das Wasser selbst war fast Nebensache; wichtig war die Art, wie man es holte. Auch ohne Glauben an seine Kraft kann so ein stiller Gang am Ostermorgen den Tag verändern. Was würde es für dich bedeuten, einen gewohnten Weg einmal ohne ein einziges Wort zu gehen? Zeiten und Regeln wechselten zwischen Marienberg, Lößnitz und den Mecklenburger Dörfern, und für gläubige Menschen trägt Ostern noch eine eigene, tiefere Bedeutung.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Schweigend hin und zurück
Im Erzgebirge galt allgemein: Man holt das Wasser früh am ersten Osterfeiertag, ohne unterwegs mit jemandem zu sprechen. In Marienberg betete man vorher mit bloßem Kopf still ein Vaterunser, schöpfte dann und bekreuzigte sich.
Gegen den Strom oder mit ihm
In Mecklenburg war man sich um 1880 nicht einig: In manchen Orten füllte man das Gefäß gegen die Strömung, in anderen mit ihr. Einig war man sich, dass es fließendes Wasser sein musste und dass man vor Sonnenaufgang wieder zu Hause sein sollte.
Um Mitternacht oder im Morgengrauen
Karl Bartsch sammelte in Mecklenburg verschiedene Zeiten: in der Osternacht um zwölf, zwischen zwölf und eins, vor Sonnenaufgang oder am Ostermorgen. Besonders gern gingen junge Mädchen. Brach jemand das Schweigen, sollte das Wasser seine Kraft verlieren.
Wasser, das nicht verdirbt
In Sehma und Lößnitz glaubte man, Osterwasser lasse sich viele Jahre aufheben, ohne zu verderben. In Lößnitz durfte man es auch am Gründonnerstag oder Karfreitag holen, und in Raschau aß man zum Osterwasser Osterbrötchen.
Warum es in der Natur passiert
Ostern ist ein bewegliches Fest und kann frühestens auf den 22. März, spätestens auf den 25. April fallen. Vor Sonnenaufgang ist es um diese Zeit gern noch frostig und still. Bevor es Wasserleitungen gab, holte man Wasser ohnehin jeden Tag; der Ostergang hob diesen Alltagsweg einmal im Jahr aus der Routine heraus.
Was der Volksglaube sagt
Obererzgebirge, 1862
Früh am ersten Osterfeiertag holt man fließendes Wasser, ohne auf dem Hin- und Herweg mit jemandem zu sprechen. In Marienberg betet man vorher still ein Vaterunser mit entblößtem Kopf und bekreuzigt sich nach dem Schöpfen.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 11, Nr. 89. Seite ansehen
Sehma und Lößnitz, 1862
Osterwasser kann man viele Jahre aufheben, ohne dass es verdirbt.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 11, Nr. 91. Seite ansehen
Lößnitz (Erzgebirge), 1862
Das Wasser darf auch am Gründonnerstag oder Karfreitag geholt werden.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 11, Nr. 92. Seite ansehen
Raschau (Erzgebirge), 1862
Man holt Osterwasser und isst Osterbrötchen.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 12, Nr. 112. Seite ansehen
Mecklenburg, um 1880
Das Osterwasser, auch „Fleitenwater“ genannt, schöpft man schweigend aus fließendem Wasser, in der Osternacht oder vor Sonnenaufgang; wer das Schweigen bricht oder nicht vor Sonnenaufgang zu Hause ist, nimmt ihm seine Kraft.
Quelle: Karl Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Bd. 2 (1880), Bd. 2, S. 259, Nr. 1356. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Welchen gewohnten Weg könntest du einmal ganz schweigend gehen, und was würdest du dabei bemerken?