Everyday Omens

Sonntagskind

Wer sonntags geboren wird, ist glücklicher als andere: So stand es in einer Chemnitzer Aberglaubensliste um 1700. Später hieß es in Schwaben, Sonntagskinder könnten Geister sehen, in Thüringen, sie sähen „mehr“.

Was es bedeuten kann

„Sonntagskind“ ist heute vor allem ein liebevolles Wort: Man nennt so jemanden, dem vieles zufliegt. Die alten Überlieferungen verbanden mit dem Sonntag zweierlei: Glück und eine besondere Wahrnehmung, die Gabe, „mehr zu sehen“. Vielleicht ist das die schönere Bedeutung: aufmerksamer sein für das, was andere übersehen. Ob man an einem Sonntag geboren ist oder nicht, diese Gabe lässt sich üben. Chemnitz und Luzern hoben das Glück hervor, Schwaben und Thüringen eher den anderen Blick.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Ein Glückskind

Im Willisauer Amt bei Luzern hielt man um 1862 die am Sonntag Geborenen für glücklich. Franz Ilwof fand in der Steiermark 1897 den Glauben, „Neusonntagskinder“ seien vom Glück begünstigt.

Ein Kind, das „mehr sieht“

Ernst Meiers schwäbische Sammlung von 1852 sagt knapp, Kinder, die am Sonntag geboren seien, könnten Geister sehen. In Nordthüringen galten Sonntagskinder 1903 als Menschen mit besonderem Glück, die „mehr sehen“ als andere.

Ein Fronfastenkind

In der Schweiz kannte man neben dem Sonntagskind das Fronfastenkind, geboren an einem der vier Quatembertermine im Jahr. Ein Mundartspruch aus Basel-Land, 1908 notiert, fasst es kurz: „Fraufaste-Chind gseie-n Alles“, also: Sie sehen alles.

Warum es in der Natur passiert

In Deutschland kommen heute an Wochenenden spürbar weniger Kinder zur Welt als an Werktagen: 2023 waren es laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 2.037 Geburten an einem Werktag und 1.594 an einem Wochenendtag. Ein Grund ist, dass geplante Entbindungen meist auf Werktage gelegt werden. Echte Sonntagskinder sind also etwas seltener.

Was der Volksglaube sagt

Chemnitz, um 1700

Wer sonntags geboren wird, ist glücklicher als andere.

Quelle: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Anhang „Aberglaube“ (aus der Chemnitzer Rockenphilosophie) (1835), Anhang S. LXXVII, Nr. 243. Seite ansehen

Schwaben, 1852

Kinder, die am Sonntag geboren sind, können Geister sehen.

Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 507, Nr. 392. Seite ansehen

Willisau (Luzern), 1862

Eine im Willisauer Amt verbreitete Volksmeinung hält die am Sonntag Geborenen für glücklich.

Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Lucern, Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug (1862), S. 551, Nr. 541. Seite ansehen

Nordthüringen, 1903

Sonntagskinder haben besonderes Glück in ihrem Leben und können „mehr sehen“ als andere Menschen.

Quelle: R. Reichhardt, Volksbräuche aus Nordthüringen, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 13 (1903), S. 384. Seite ansehen

Basel-Land, 1908

„Fraufaste-Chind gseie-n Alles“: Fronfastenkinder sehen alles.

Quelle: A. Müller (Sammler), Aus dem Volksmund und Volksglauben des Kantons Basel-Land, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 12 (1908), S. 149, Nr. 415. Seite ansehen

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