Everyday Omens

Milchzahn ins Mauseloch

Hat ein Kind einen Zahn verloren, steckt es ihn in ein Mauseloch und spricht: „Mäuschen, ich gab dir einen knöchernen, gib du mir einen eisernen.“ So hielt es eine westfälische Sammlung 1859 fest.

Was es bedeuten kann

Ein wackelnder Milchzahn ist für Kinder ein großes Ereignis, halb Stolz, halb Unbehagen. Der Brauch mit der Maus machte daraus einen Handel: Ich gebe dir das Alte, du schenkst mir etwas Besseres. Darin steckt eine freundliche Art, mit Verlust umzugehen, gerade für Kinder. Man verabschiedet das Kleine, Abgenutzte bewusst und knüpft an den Abschied eine Hoffnung. Erwachsene kennen solche Übergänge ebenfalls, nur fehlt ihnen dafür häufig ein Ritual. Eisern, golden oder schön weiß: Den neuen Zahn wünschten sich die Kinder in Westfalen, in der Steiermark und in Bern jeweils anders.

Je nachdem, wie du es erlebt hast

Ins Mauseloch gesteckt

In Hemschlar in Westfalen steckte ein Kind um 1859 den verlorenen Zahn in ein Mauseloch und bat um einen eisernen. In Brake an der Weser hieß der Spruch: „Mus, Mus, bring mi’n nee Kus’“, also: Maus, bring mir einen neuen Zahn.

Über den Kopf geworfen

In Oldenburg warf man den Zahn um 1867 auch rückwärts über den Kopf; an der Jade achtete man darauf, ihn gerade hinüberzuwerfen, sonst wachse der neue schief. Den weggeworfenen Zahn durfte man danach nicht wiedersehen.

Hinter den Ofen

In der Steiermark warfen Kinder um 1897 jeden Zahn hinter den Ofen und sagten: „Ich geb’ dir einen beinernen Zahn, gib du mir einen goldenen!“

In eine Ecke

In Langenthal im Kanton Bern warf man um 1903 die ersten ausgefallenen Zähne in eine Ecke und bat das „Müsli“ um einen schönen weißen, mit dem man Fleisch und Brot beißen könne.

Hast du von Zähnen geträumt?Die Bedeutung im Traum, auf Night Symbols

Warum es in der Natur passiert

Ein Kind hat 20 Milchzähne, die etwa zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr nach und nach den bleibenden Zähnen weichen. Mäuse eigneten sich gut als Tauschpartner, denn die Schneidezähne von Nagetieren wachsen ein Leben lang nach und nutzen sich beim Nagen ständig ab.

Was der Volksglaube sagt

Hemschlar (Westfalen), 1859

Hat ein Kind einen Zahn verloren und will schnell einen neuen haben, steckt es ihn in ein Mauseloch und spricht: „Mäuschen, ich gab dir einen knöchernen, gib du mir einen eisernen.“

Quelle: Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Th. 2 (1859), Th. 2, S. 34, Nr. 94. Seite ansehen

Schwaben, 1852

Jeden Zahn, den man zuerst wechselt, soll man in ein Mauseloch werfen, dann bekommt man einen neuen.

Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 494, Nr. 315. Seite ansehen

Brake (Oldenburg), 1867

Verliert ein Kind einen Zahn, legt man ihn in ein Mauseloch mit dem Spruch „Mus, Mus, bring mi’n nee Kus’“, dann bekommt es bald einen neuen.

Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 96, § 131. Seite ansehen

Steiermark, 1897

Die Kinder werfen jeden Zahn hinter den Ofen: „Ich geb’ dir einen beinernen Zahn, gib du mir einen goldenen!“

Quelle: Franz Ilwof, Zur Volkskunde der Steiermark, Zeitschrift für österreichische Volkskunde, Jg. 3 (1897), S. 52. Seite ansehen

Langenthal (Kanton Bern), 1903

Die ersten ausgefallenen Zähne wirft man in eine Ecke und bittet das „Müsli“, den Zahn zu nehmen und einen schönen weißen zu geben.

Quelle: G. Züricher und M. Reinhard (Sammler), Allerhand Aberglauben aus dem Kanton Bern, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Jg. 7 (1903), S. 137, Nr. 72. Seite ansehen

Zum Nachdenken

Von welchem Alten hast du dich zuletzt verabschiedet, und was hast du dir dafür Neues gewünscht?