Spinne seilt sich ab
In Nordthüringen freute man sich um 1900 über kleine Spinnen, die sich von oben auf Hand oder Gesicht niederließen: Sie sollten Glück bringen. In Oldenburg nannte man sie „Glücksspinnen“, in der Grafschaft Mark „glücksköbbekes“.
Was es bedeuten kann
Eine Spinne, die sich an einem kaum sichtbaren Faden herablässt, scheint in der Luft zu stehen. Sie fällt nicht, sie lässt sich kontrolliert hinunter, mit einer Sicherung, die sie selbst gesponnen hat. Das ist ein schönes Bild für Wagnisse im eigenen Leben: Man kann sich an Neues heranwagen, wenn man weiß, woran man hängt. Dass die alten Regeln ausgerechnet die kleinen Spinnen als Glücksbringer sahen, passt dazu, denn das Glück kam hier von oben, leise und ohne Aufhebens. Oldenburg und die Grafschaft Mark gaben diesen Spinnen eigene Kosenamen.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Auf die Hand oder die Nase
In Oldenburg sollten um 1867 die winzigen „Glücksspinnen“ Glück bringen, wenn sie sich von oben auf Hand, Nase oder anderswo niederließen. In Nordthüringen sagte man um 1900 dasselbe von Hand und Gesicht.
Am Abend von der Zimmerdecke
Adalbert Kuhn kannte aus der Grafschaft Mark um 1859 das Wort „glücksköbbekes“ für die kleinen Spinnen, besonders wenn sie sich abends von der Zimmerdecke zu einem herabließen.
Über der Lampe
In Rollsdorf im Mansfelder Land sprach man um 1909 dreimal den Satz „Alle guten Geister …“, wenn sich eine Spinne von der Decke über der Lampe herabließ. Dann bringe sie Glück.
Warum es in der Natur passiert
Spinnen ziehen beim Laufen fast immer einen Sicherungsfaden hinter sich her. An diesem Faden können sie sich bei Störung schnell abseilen und später wieder hinaufklettern. Im Licht einer Lampe sieht man den Faden kaum, deshalb scheint die Spinne frei in der Luft zu schweben.
Was der Volksglaube sagt
Oldenburg, 1867
Spinnen, namentlich die kleinen roten oder schwarzen Glücksspinnen, bedeuten Glück, wenn sie sich von oben auf Hand, Nase oder Ähnliches niederlassen.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 27, § 12. Seite ansehen
Nordthüringen, 1900
Die kleinen Spinnen bedeuten Glück, wenn sie sich von oben auf Hand oder Gesicht niederlassen.
Quelle: R. Reichhardt, Volksanschauungen über Tiere und Pflanzen in Nordthüringen, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 10 (1900), S. 211. Seite ansehen
Grafschaft Mark (Westfalen), 1859
Die kleinen Spinnen, besonders wenn sie sich abends von der Zimmerdecke zu uns herablassen, sind „glücksköbbekes“.
Quelle: Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen, Th. 2 (1859), Th. 2, S. 79, Nr. 240. Seite ansehen
Rollsdorf (Mansfelder Land), 1909
Lässt sich eine Spinne von der Decke über der Lampe herab, muss man dreimal hintereinander „Alle guten Geister …“ sprechen; dann bringt sie Glück.
Quelle: Else Roediger, Allerlei aus Rollsdorf bei Höhnstedt, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 19 (1909), S. 440. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Worauf könntest du dich gerade einlassen, wenn du wüsstest, woran du dich festhalten kannst?