Raben oder Krähen am Haus
Setzte sich eine Krähe aufs Haus, erwartete man im Erzgebirge früher einen Todesfall. Daneben gab es nüchterne Regeln: Krähen über dem Dorf hießen schlechtes Wetter. Heute weiß man, wie lernfähig und gesellig diese Vögel sind.
Was es bedeuten kann
Schwarze Vögel, laute Rufe, und das auf dem eigenen Dach: Kein Wunder, dass Krähen und Raben früher als Boten galten. Die alten Deutungen hatten viel mit Krankheit und Abschied zu tun, weil sie aus einer Zeit stammen, in der der Tod im Haus alltäglicher war. Wer heute Krähen am Haus sieht, kann sie zum Anlass nehmen, auf die eigene Nachbarschaft zu achten: Wer wohnt hier allein, wer würde sich über einen Gruß freuen? Was die Vögel „sagen“, haben Menschen je nach Ort ganz unterschiedlich gehört.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Eine Krähe sitzt auf dem Dach
In Annaberg sollte dann jemand in diesem Haus sterben, in Raschau irgendwo in der Nachbarschaft. Für Krähen ist ein First einfach ein guter Aussichtspunkt: Von dort sehen sie Mülltonnen, Futterstellen und Artgenossen. Der Ort, den wir als bedeutsam empfinden, ist für sie Alltag.
Ein Rabe ruft immer wieder
In Schwäbisch Gmünd nannte man den Raben „Grapp“. Schrie er immer wieder in der Nachbarschaft, erwartete man dort einen Todesfall. Rabenvögel rufen, um sich zu verständigen und ihren Platz zu behaupten. Ein lauter Morgen erzählt eher von ihrem Zusammenleben als von unserem Schicksal.
Sieben Raben auf dem Weg
Aus Pommern ist um 1840 eine Zahlenregel überliefert: Kommen einem sieben Raben gerade entgegen, droht großes Unglück. Die Zahl Sieben machte die Begegnung besonders. Im Winter sieht man auf Feldern viel größere Trupps, weil sich Krähen dann zum Fressen und Schlafen zusammentun.
Krähen über dem Dorf
In Sosa im Erzgebirge las man aus Krähen, die über Stadt oder Dorf flogen, vor allem eines: schlechtes Wetter. Diese Regel ist nüchterner als die Todesdeutungen und erinnert daran, dass man Vögel früher genau beobachtete, um die Arbeit auf dem Feld zu planen.
Warum es in der Natur passiert
Krähen, Raben und Dohlen gehören zu den Rabenvögeln und sind sehr lernfähig. Saatkrähen und Dohlen leben gesellig und sammeln sich im Herbst und Winter an großen Schlafplätzen, oft mitten in Städten. Dächer, Antennen und hohe Bäume dienen ihnen als Ausguck.
Was der Volksglaube sagt
Annaberg und Raschau, 1862
Setzt sich eine Krähe auf ein Haus, stirbt jemand darin (Annaberg) oder in der Nachbarschaft (Raschau); in Annaberg sagte man dasselbe von der Dohle.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 19, Nr. 204. Seite ansehen
Schwäbisch Gmünd, 1867
Schreit der „Grapp“, der Rabe, wiederholt in der Nachbarschaft, so stirbt dort bald jemand.
Quelle: Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd (Sitten, Gebräuche, Aberglauben, Sagen) (1867), S. 439, Nr. 9,_Gebr%C3%A4uche,_Aberglauben,_Sagen_(Gm%C3%BCnd). Seite ansehen
Pommern, 1840
Kommen einem sieben Raben gerade entgegen, so heißt das großes Unglück.
Quelle: J. D. H. Temme, Die Volkssagen von Pommern und Rügen (Abergläubische Meinungen und Gebräuche) (1840), S. 346. Seite ansehen
Sosa (Erzgebirge), 1862
Wenn die Krähen über die Stadt oder das Dorf fliegen, gibt es schlechtes Wetter.
Quelle: Moritz Spieß, Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges (1862), S. 72, Nr. 825. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Wer in deiner Nachbarschaft würde sich gerade über einen kurzen Besuch oder Gruß freuen?