Mit dem Finger auf Sterne zeigen
Man darf mit dem Finger auf keinen Stern deuten, weil man sonst einen Engel ersticht: Das galt um 1852 in Schwaben. In Oldenburg warnte man, der Finger werde steif, in Mecklenburg, man stoße ihn sich gleichsam ins eigene Herz.
Was es bedeuten kann
Mit ausgestrecktem Finger nach oben zu zeigen, ist eine Geste des Besitzens und Erklärens: „Da, der dort.“ Die alten Verbote setzten dem eine andere Haltung entgegen: staunen statt deuten. Der Himmel galt als etwas, dem man mit Ehrfurcht begegnet, nicht mit dem Zeigefinger. Das lässt sich auch heute als Einladung verstehen, manche Dinge einfach anzusehen, ohne sie gleich zu benennen, zu zählen oder zu fotografieren. In Schwaben, Oldenburg und Mecklenburg drückte man diese Scheu vor dem Himmel jeweils mit eigenen Bildern aus.
Je nachdem, wie du es erlebt hast
Kinder zeigen auf einen hellen Stern
In Schwaben bekamen Kinder um 1852 zu hören, wer mit dem Finger auf einen Stern deute, ersteche einen Engel. Ebenso solle man nicht mit dem Finger auf ein Gewitter weisen.
Ein steifer Finger
Wer mit dem Finger nach den Sternen weist, dem wird der Finger steif: Strackerjan zählte diese Oldenburger Warnung 1867 zu den Regeln, hohe Dinge nicht geringschätzig zu behandeln.
Das Siebengestirn zählen
In Mecklenburg sollte man um 1895 das Siebengestirn nicht zählen, das bringe Unglück. Wies man mit dem Finger zu den Sternen, sei das, als steche man sich ins eigene Herz oder unserem Herrgott in die Augen.
Warum es in der Natur passiert
Das Siebengestirn, auch Plejaden genannt, ist ein offener Sternhaufen im Sternbild Stier. Mit bloßem Auge erkennt man je nach Sehschärfe und Dunkelheit des Himmels meist sechs bis neun seiner Sterne, weshalb das Zählen nie ganz eindeutig ausfällt.
Was der Volksglaube sagt
Schwaben, 1852
Man darf mit dem Finger auf keinen Stern deuten, weil man sonst einen Engel ersticht; ebenso soll man nicht mit den Fingern auf ein Gewitter weisen.
Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852), S. 499, Nr. 332. Seite ansehen
Oldenburg, 1867
Wer mit dem Finger nach den Sternen weist, dem wird der Finger steif.
Quelle: Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg, Bd. 1 (1867), Bd. 1, S. 44, § 39. Seite ansehen
Mecklenburg, 1895
Zeigt man mit dem Finger zu den Sternen, ist das, als ob man ihn sich ins Herz steckt, oder auch, als steche man unserem Herrgott in die Augen.
Quelle: Richard Wossidlo, Das Naturleben im Munde des Mecklenburger Volkes, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 5 (1895), S. 431. Seite ansehen
Mecklenburg, 1895
Das Siebengestirn soll man nicht zählen, das bringt Unglück.
Quelle: Richard Wossidlo, Das Naturleben im Munde des Mecklenburger Volkes, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Jg. 5 (1895), S. 431. Seite ansehen
Zum Nachdenken
Was möchtest du einmal nur betrachten, ohne es gleich erklären oder festhalten zu wollen?